Warum ich wohl nie ein klassischer Speaker werde

Kürzlich konnte ich den Vortrag eines in Deutschland – jedenfalls in der Szene – sehr bekannten  Speakers live erleben. Es ging ca eine halbe Stunde und war gutes Entertainment. Von der Dramaturgie war der Mann ein echter Profi, konnte die Zuschauer mitreißen und hatte die Lacher auf seiner Seite. Aus dieser Perspektive: Hut ab, ehrlich.

Was mich störte, war der Inhalt. Es ging in der halben Stunde nur um eine einzige kleine psychologische Fingerübung, so ungefähr Psychologie-Studium, 2. Semester, nicht mal originell und an sich in fünf Minuten abgefrühstückt. Und das bläst der Typ in einer halben Stunde gigantisch auf und die Leute finden’s toll. Auf der einen Seite bewundere ich ihn für sein Marketing-Talent. Er hat es geschafft, praktisch aus Nichts Gold zu machen. Intellektuell gesehen, war der Vortrag Arbeitsverweigerung. Aber das werfe ich ihm nicht mal vor. Die Leute wollen es anscheinend so. Ein kleines Häppchen, nicht zu starke Kost, auf dem sie dann eine halbe Stunde herumkauen können. Damit sie sich ja nicht überfressen. Dafür gibt es zweifellos einen Markt.

Eine Speaker-Agentin sagte einmal zu mir: „Wenn ein Unternehmen die Wahl hat zwischen einem guten Speaker und einem bekannten, nimmt es den bekannten.“ Das war der erste wichtige Satz, den ich über das Speaker-Business gelernt habe. Der zweite stammt von der Band „Fury in the Slaughterhouse“: „Lieber vor 5.000 Leuten geile Mucke machen als sich vor 50.000 Leuten zum Horst.“ Und ich denke, ich musste das für mich erst erkennen.

Auch wenn es vielleicht arrogant klingt: Das Eingangsbeispiel hat für mich einfach eine zu geringe intellektuelle Flughöhe. Da muss schon mehr dabei rumkommen. Natürlich sollen die Zuhörer nicht gelangweilt vom Stuhl kippen. Aber man kann auch komplexe Sachverhalte verständlich und humorvoll vermitteln. Damit auch ein echter Wissensimpuls bleibt – und nicht nur bloßes Entertainment. Dafür trifft der Begriff „Referent“ vielleicht mehr zu als „Speaker“.

Ich neide dem Kollegen nicht seinen Erfolg. Jeder findet die Kunden, die zu ihm passen. Aber für mich ist diese klassische Speaker-Schiene – ein kleines Fitzelchen nehmen und aufblasen – eher nichts. Lieber vor 50 Leuten Qualität abliefern als sich vor 500 Leuten zum Horst machen.

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Peter Reitz
Gast
Peter Reitz

Hallo Herr Väth und Kollegen,

viele spannende statements zu dem Thema. Und Sichtweisen dazu. Ich denke oft, dass es in solchen Veranstaltungen nicht unbedingt um wissenschaftliche Vorlesungen geht noch um „großen“ Wissenstransfer. Dies liegt aber oft im Auge des Betrachters. Der Gewinn liegt für den Zuhörer vielleicht sogar darin, einfache Sachverhalte alltagstauglich präsentiert und schöne Geschichten erzählt zu bekommen. Als Speaker würde man vielleicht sagen, der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.

Herzliche Grüße,
peter reitz

Christoph Burger
Gast

Ja, so ist es, meiner Beobachtung nach auch. Im Kommentar von Lars Hahn am Kürzesten auf den Punkt gebracht. Mich hat es ebenfalls schon häufiger gedrängt, darüber zu schreiben.
Ich persönlich glaube, dass unser (Markus Väths und mein und?) Unbehagen daher kommt, dass ein abgeschlossenes Psychologie-Studium sich nicht mit inhaltsarmer bis leerer Speakerei verträgt. Das kann man nicht selbst tun. Und nach dem Genuss als Zuhörer fragt man sich irgendwann, was jetzt eigentlich der Inhalt war. Die meisten Leute haben dieses Problem nach dem Zuhören nicht, was eines der Geheimnisse des Erfolgs guter Speaker ist.

Karin Sartorius
Gast
Karin Sartorius

Ein erhellender Artikel mit unterstreichenden Kommentaren, der mir Wörter für mein unstimmiges Gefühl beim Hören mancher Redner gegeben hat.
Seit einiger Zeit erfreue und bilde ich mich emotional und intellektuell mit den englischsprachigen TED Talks, die es laut ihrem Slogan „Ideas worth spreading“ in meinen Augen tatsächlich wert sind, weitergesagt zu werden!

Lars Hahn
Gast

Schöner Beitrag und treffende Kommentare. Kürzlich sah ich mit einer Kollegin einen dieser Key Note Speaker. Ich war ehrlich beeindruckt von seiner Souveränität und Leichtigkeit.

„Der spielt in einer anderen Liga“ sagte ich zu meiner Kollegin. „Nein“, sagte sie “ der spielt ein anderes Spiel!“

Und das stimmt. Hier Bildung, dort Entertainment.

Jens Jannasch
Gast

Hallo Herr Väth, das von ihnen beschriebene Phänomen kenne ich auch leider nur zu gut. Ich war auf einigen-teilweise sehr teuren- Veranstaltungen dieser Art. Zu Beginn dachte ich meist: boah! Der ist gut. Leider kippte dies nach nicht einmal der Hälfte der Veranstaltung und ich dachte: boah! ist der ein Selbstdarsteller. Oft wirken (sind) die Vorträge bis auf die Atempause inszeniert. Und das finde ich anstrengend. Authentizität ist in dieser Branche schwierig. Ok. Wird vielleicht auch nicht verlangt und vom Massenpublikum genau so gewollt. … Ich habe einmal eine Veranstaltung mit organisiert, bei welcher ein solches Talent aufgetreten ist. Griesgrämig,… Weiterlesen »

Kai-Jürgen Lietz
Gast

Lieber Herr Väth, ich glaube, dass sollten wir nicht verallgemeinern. Humor und Inhalt schließen sich nicht aus. Wie alles im Reden ist der unterhaltsame Aspekt Lernsache. Natürlich gibt es Naturtalente, die einen an den Rand eines Bauchmuskelkrampfes führen. Aber bekannt heißt nicht automatisch witzig und umgekehrt. Denken wir nur an Nikolaus Enkelmann. An ihm ist sicher keine Humorist verloren gegangen. Jeder hat seine Stärken. Auch als Redner sollten wir konsequent darauf setzen. Ich beispielsweise habe letzte Woche an einem Wettbewerb für humorvolle Reden teilgenommen. Für mich war es eine interessante Erfahrung. Kann ich witzig genug sein, um zu gewinnen? Ich… Weiterlesen »

Elke Freitag-Lange
Gast

Hallo Herr Väth,
ich kann Ihnen da nur zustimmen. Eine Trainer-Kollegin stellt sich gerade sogar die Frage, ob sie weiterhin Trainings leiten will, da die Teilnehmenden offensichtlich mehr an der „Bespaßung“ interessiert sind und nicht so sehr an der nachhaltigen Vermittlung von Inhalten. Meiner Meinung nach sollten sich Spaß und Inhaltsvermittlung die Waage halten, denn wer Spaß hat lernt doch auch viel lieber ;-)). Als Trainer nur noch Entertrainer zu sein – nein danke!

Judith Torma die Rednermacherin
Gast

Guten Tag Herr Väth, heute bin ich gleich zweimal über Ihren Artikel bei Twitter gestolpert – Einmal – guter oder bekannter Redner aufgegriffen von Bettina Schöbitz https://twitter.com/schoebitz und dann bei Roland Kopp-Wichmann im Kommentar. Gute Redner haben drei Aufgaben – docere, movere und delectare – beleheren/informieren, bewegen/überzeugen sowie unterhalten. Gerade für Vorträge auf Abendveranstaltungen oder Firmenfesten oder Belobigungen ist der Zweck ja meist die Unterhaltung – daher kommt der Anspruch auf Wissenstransfer zu kurz. Für mich hängt das stark vom Anlass, dem Ziel und der Redezeit ab. War Ihr Anspruch denn Inhalte aus dem Masterstudium zu erhalten oder einen gemütlichen… Weiterlesen »

Roland Kopp-Wichmann
Gast

Hallo Herr Väth,
Ihr Artikel ist mir aus der Seele gesprochen. Ist auch ein Grund, warum ich nie in die GSA und andere Sprecher-Organisationen gehen würde, weil mir da zu viele Entertainer sind.
Aber viele Firmen wollen eben auch ihre Mitarbeiter in einem Vortrag eher unterhalten als weiterbilden. Zum Glück gibt’s Ausnahmen.

Elke Wegner
Gast
Elke Wegner

Danke lieber Herr Väth, Das ist endlich mal knapp gesagt und genau die Wahrheit. Und mir ist ähnliches wie Ihnen sogar in einer CaochAusbildung passiert. Es hat lange gedauert, bis ich dahinter kam, dass ich sehr gerne den Entertainmentteil gekürzt erlebt hätte und statt dessen mehr intellektuellen Input bekommen hätte. Und gleichzeitig scheinen die Menschen immer mehr auf diese seichte Manipulation zu stehen. Schade. Und das macht es für mein Marketing nicht einfacher. Wollen die meisten wirklich lieber manipuliert aus dem Vortrag gehen, also mit gutem Gefühl, aber wenig Erkenntnis? Ich übe mich darin, beides zu liefern und mir treu… Weiterlesen »

Axel Koch
Gast

Hallo Herr Väth, Sie haben hier ein Thema aufgegriffen, was ein echtes Phänomen ist. Ich habe neulich das Wort von Pseudo-Education gehört. Also so tun, als wenn man Leute bildet. Das, was Sie erlebt haben, kenne ich auch. Und auch ich ziehe meinen Hut vor Comedy- und Entertainment-Kompetenz. Das ist eine echte Fähigkeit. Wer aber wie ich, auf nachhaltige und wirksame Weiterbildung setzt und immer wieder von Firmen hört, dass Weiterbildungstransfer die wichtigste Thematik ist, wundert sich dann, dass die Praxis bisweilen ganz anders aussieht. Ein gutes Beispiel für jemand, der beides zu vereinen sucht, ist Albrecht Kresse von der… Weiterlesen »

Sabine Gießl
Gast
Sabine Gießl

Lieber Markus,

ich kann Dir sehr gut folgen. Über ein Thema ausgiebigst zu scherzen und es übermäßig zu belachen ist eine – leider – immer noch sehr willkommene Kompensation. Der Mensch kann sich im Außen ablenken um die Resonanz, die das Thema mitbringt, bei sich selbst nicht zu spüren.

Herzliche Grüße 🙂
Sabine

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Zwei Tage mit Markus Väth - innovativ und inspirierend.

07./08. Februar | Nürnberg | Möbelkollektiv
21./22. Februar | Hamburg | Ministry Group
05./06. März | Berlin | TAM-Akademie

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