Warum Kevin Kühnert nie ein New Worker wird

Eigentlich wollte ich nichts zu Kevin Kühnert schreiben. Ehrlich gesagt, mag ich ihn nicht. Auf Fotos oder in Talkshows setzt er immer ein beleidigt-arrogantes Gesicht auf – ob aus Überzeugung oder Selbstschutz, weiß ich nicht. Und, okay, wir leben im Zeitalter von „Mosaikbiographien“, aber wenn sich jemand zur Kollektivierung der deutschen Wirtschaft, also der Gesamtheit der Arbeitssphäre äußert, erwarte ich persönlich als Qualifikation etwas mehr als ein abgebrochenes Studium. Aber das nur Rande.

Begriffschaos a la Kevin

Letzte Woche war ich auf einer New Work – Tagung, und da ist mir etwas aufgefallen: Bei einem Panel wurde ganz selbstverständlich das Thema Grundeinkommen angeschnitten, und es lag in der Luft: New Work, ja klar, da ist das Grundeinkommen irgendwie dabei. Ich selbst saß nicht auf dem Panel und habe mich mit Wortmeldungen zurückgehalten. Aber wir sollten schon einmal feststellen, dass sich Frithjof Bergmann, der Begründer von New Work, noch letztes Jahr sehr kritisch zum Grundeinkommen geäußert hat. Ich persönlich habe dazu eine differenzierte Meinung, aber auch das nur am Rande.

Worum es mir geht, ist Folgendes: Wir brauchen eine Abrüstung der Begriffe. „Kapitalismus“, „Sozialismus“, „Grundeinkommen“, „Kollektivierung“, „Verstaatlichung“: Da springen einem die Assoziationen und geschichtlichen Belastungen mit Anlauf ins Gesicht. Auch Kühnert vermischt (wahrscheinlich bewusst-provozierend, das unterstelle ich ihm jetzt mal als Polit-Profi) in seinem ZEIT-Interview (hinter Paywall) die Begriffe:

„Mir ist weniger wichtig, ob am Ende auf dem Klingelschild von BMW ‚staatlicher Automobilbetrieb‘ steht oder ‚genossenschaftlicher Automobilbetrieb‘ oder ob ein Kollektiv entscheidet, dass es BMW in dieser Form nicht mehr braucht. [..] Ohne Kollektivierung ist eine Überwindung des Kapitalismus nicht denkbar.“

In einem einzigen Statement schmeißt Kühnert also klassische Mechanismen des Sozialismus (Verstaatlichung), Varianten der Mitarbeiterbeteiligung (Genossenschaftliches Prinzip) und Organisationsdesign (Kollektive Entscheidungsfindung) durcheinander. Diese drei Phänomene existieren nicht einmal auf gleichen Diskurs-Ebenen: Sozialismus ist ein Staatssystem, Mitarbeiterbeteiligung eine Frage des Eigentums innerhalb eines Staatssystems und Entscheidungsfindung eine Frage des Managements.

Ich unterstelle Kühnert jetzt mal, dass er auf keinem der genannten Gebiete Experte ist. Kühnert ist vielmehr ein cleverer Provokateur, der zündelt und mit einem sehr guten Instinkt Begriffe, die sich reiben, aber eigentlich nichts miteinander zu tun haben, durcheinanderwirft.

Ist Kühnerts Vision New Work?

Aus New Work – Perspektive muss man ganz klar sagen: Nein. Warum?

  • Erstens spricht sich schon der Begründer von New Work, Frithjof Bergmann, in seinem Standardwerk „Neue Arbeit, neue Kultur“ gegen den Sozialismus aus. Er will den Kapitalismus verändern, nicht abschaffen. Solange wir im New Work diskurstheoretisch nichts Neues ableiten, plädiere ich für Bergmanns Haltung.
  • Zweitens stellt New Work nicht den Begriff des Eigentums in Frage. Im Gegenteil: Aus dem Bewusstsein eines Eigentums heraus, zum Beispiel in Form einer genossenschaftlichen Beteiligung oder in Form von Mitarbeiteraktien am Unternehmen, ergibt sich eine gemeinsame Verantwortung aller am Unternehmen. Dazu brauchen wir keine Verstaatlichung. Was Kühnert nämlich nirgendwo erwähnt: Eigentum verpflichtet zur Verantwortung; das steht bereits im Grundgesetz. Und diese Verantwortung für ein rein kollektives Gut ist es, die in sozialistischen Systemen – unter anderem – noch nie funktioniert hat; siehe DDR, Venezuela, Kuba etc.
  • Drittens verbrigt sich in Kühnerts Thesen eine latente Verachtung des Leistungsprinzips. Leistung erbringt nach Kühnert nämlich nur der „Arbeiter“, der angeblich Zukurzgekommene – nicht der Unternehmer, der das unternehmerische Risiko trägt. Auch dies widerspricht der Philosophie von New Work, soll der Einzelne doch gerade eine „Sehnsucht der Begierde“ nach sinnvoller Arbeit – und damit auch durch erfüllte, kraftvolle Leistung – entwickeln. (Interessanterweise verachten meiner persönlichen Beobachtung nach das Leistungsprinzip oft Menschen, die im Leben selbst wenig erreicht haben (und, man muss das leider sagen, mehr auf der politischen Linken als Rechten zu finden sind).

Was lernen wir nun aus dem Kühnert-Manöver?

Zunächst sollten wir alle mindestens 48 Stunden ins Land gehen lassen, bevor wir uns zu einem solchen Manöver äußern. Keep calm and carry on, wie die Engländer sagen.

Danach sollten wir uns fragen, ob das Thema wirklich Relevanz hat. Ich glaube nämlich, dass die Mehrheit der Bevölkerung andere Probleme hat als die Idee, BMW zu verstaatlichen. Da simuliert die Berliner Medienblase eine Wichtigkeit, die schlicht nicht da ist.

Und schließlich: Kommen wir zum Kern. Mein Kern war eine Betrachtung von Kühnert vs. New Work. Mission accompished. So, und jetzt sage ich zu Herrn Kühnert wirklich nichts mehr.

Photo © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

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J. PechsteinOliver Gorus Letzte Kommentartoren
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J. Pechstein
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J. Pechstein

Haste gut gesagt.
Ich hätte es nicht besser sagen können. 😉

Oliver Gorus
Gast

Volle Zustimmung, sehr schön differenziert!

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