Warum Kreativität wichtiger wird und wie man sie entfacht

Bild eines Motorrads aus Metallteilen

Neugier und Kreativität sind dem Menschen angeborene Wesenszüge. Das sieht man an jedem Kind, bevor es in die Mühlen der (früh-)kindlichen Verschulungs- und Optimierungsindustrie gerät. Bis zum Alter von sechs Jahren zeigt ein Kind im Grunde alle Persönlichkeitszüge, die die Arbeit im 21. Jahrhundert erfordert (und die auch New Work propagiert): Neugier, Kreativität, soziale Offenheit, Leistungsbereitschaft, Durchhaltefähigkeit, Emotionale Intelligenz. Doch es kommt, wie wir alle wissen, anders. Vielleicht kennen Sie ja das Sprichwort: „Erst lernst du laufen, dann sprechen, dann hinsetzen und’s Maul halten.“ Da viele Menschen also bereits geistig deformiert ihre Ausbildung oder ihr Studium antreten (und abschließen), ist natürlicherweise auch kreative Problemlösung eines der schwierigsten Themen im Unternehmenskontext. Anders kann man sich die aktuelle Flut von Seminaren und Workshops zu Design Thinking, Canvas-Techniken, Innovationsberatung oder Persönlichkeitsentwicklung á la „Sprenge deine Grenzen“ gar nicht anders erklären.

Das bisherige Nonplusultra sind alte Lösungen für alte Probleme

Bisher läuft es so: Indoktriniert von jahrzehntealten Management-Ideologien, sind Unternehmen das Denken in kausalen Wirkungsketten und strengen Prozess-Routinen gewohnt. Der bisherige Höhepunkt in dieser – zweifellos erfolgreichen – Karriere ist der Lean-Ansatz, der auf schlanke Prozesse, extrem verzahnte Logistik und eine fein verästelte Wertschöpfungskette setzt. Lassen wir mal die Verletzlichkeit des Lean-Ansatzes außer acht (Lieferrisiken bei Streiks o.ä., logistische Herausforderungen etc.). Interessanter an Lean ist seine Verkörperung des linearen Denkens: von Kettenglied zu Kettenglied, bis zum Endprodukt bzw. bis zur Beendigung des Prozesses. Lean ist daher ein schönes BIld für die bislang erfolgreiche Methodik, alte (Prozess-)Probleme mit alten (linearen) Lösungen anzugehen. Effizienz war und ist das Maß aller Dinge. Doch wir stehen vor einem Paradigmenwechsel. Die Effizienzkarte ist wohlgepsielt, aber ausgereizt und die Ära der Komplexität und Kreativität bricht an.

Das Missverständnis: Alte Lösungen für neue Probleme

Unternehmen sehen sich von ihrem Marktumfeld, von neuen Technologien und sozialen Spannungen herausgefordert. Die neue Welt präsentiert sich VUCA (volatile, uncertain, complex, ambiguous). Viele Unternehmen erkennen das und machen damit den ersten wichtigen Schritt: Neue Probleme tatsächlich als neu zu erkennen und nicht zu versuchen, das Neue zu leugnen und dem Missverständnis „Alter Wein in neuen Schläuchen“ anheimzufallen. Leider reagiern Unternehmen reflexhaft so, wie es auch Menschen in einer solchen Situation tun würden: Sie versuchen, neuen Probleme der VUCA – Welt mit traditionellen Methoden und einer Kultur Herr zu werden, die von Kontrolle, Angst und Null-Fehlertoleranz geprägt ist. Klassisches Beispiel hierfür ist die traditionelle Leitbild-Entwicklung: Das Management „entwickelt Werte“ und rollt diese dann Top-Down in der Belegschaft aus. Das erzeugt beim Mitarbeiter ungefähr so viel guten Willen und die Bereitschaft, sich darauf einzulassen, wie einem Vegetarier zu erzählen, es gäbe ab jetzt viermal die Woche Fleisch. In beiden Fällen dürfte sich die Begeisterung in Grenzen halten.

Die VUCA-Welt fordert neue Lösungen für neue Probleme

Wir alle müssen für die neuen Probleme der VUCA-Welt (Digitalisierung, Hyperkommunikation, immer kürzere Produktions- und Innovationszyklen) auch neue Lösungen finden. Und hier schließt sich der Kreis zu den eingangs erwähnten Methoden wie Design Thinking, Canvas und so weiter. So sinnvoll diese Instrumente auch sind, brauchen sie die richtige Umgebung, um zu wirken. Ein Gorilla ist an sich riesig und stark, aber in einer modernen Großstadt könnte er nicht lange überlegen. Instrumente zur Kreativitätsförderung können ebenfalls starke Instrumente sein, aber sie müssen sich entfalten dürfen. Wenn die erlaubte Kreativität an der Seminartür aufhört, kann sich ein Unternehmen die Weiterbildungsinvestition schenken. Wenn sich ein Unternehmen also fragt: Wie werden wir innovativer oder kreativer?, muss es sich gleichzeitig fragen: Haben wir überhaupt eine KULTUR der Kreativität? Schaffen wir ein Umfeld, das Fehler erlaubt, das weggeht vom Effizienzfetisch herkömmlicher Management-Modelle, das ein holistisches Denken erlaubt („wenn einer gewinnt, muss der andere nicht verlieren“)?

Kreativität kann man daher nicht verordnen. Man kann ihr nur erlauben, sich zu entfalten – das aber möglichst professionell. Und man kann Lust an der Kreativität vermitteln: durch Begegnung mit der Kunst, durch gelungene Methoden-Workshops und durch das Bewusstsein, dass der Sechsjährige in uns vielleicht mehr zur Problemlösung beitragen kann als der in Würde ergraute Skeptiker. Just do it.

P.S.

Anfang März halte ich zu diesem Thema einen Vortrag in Freiburg. Weitere Informationen und Anmeldungsmöglichkeiten gibt es hier.

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