Warum Unternehmen die neuen Kirchen sind

Vor knapp zwei Jahren hielt ich einen Vortrag bei einem Think Tank der Deutschen Post. Es ging um Zukunftsthemen, um New Work (kann man den Begriff nach dem XING-Move eigentlich noch benutzen?) und um Ideen für die Unternehmen von morgen. Einen Zukunftstrend hatte ich damals mit „Purpose-driven companies“, mit „sinngetriebenen Unternehmen“ identifiziert: Mitarbeiter würden sich vor allem in und um Unternehmen gruppieren, die ihnen in irgendeiner Form ein Sinnangebot machen: nicht nur auf der extrinsischen Ebene (Bezahlung, Status, Belohnung etc.), sondern eben auch intrinsisch (Motivation, Ökologie oder andere Werte, Aufgehen in der Aufgabe und so weiter).

Wie krass das Thema einschlägt, konnte ich damals noch nicht absehen. Ich denke, Purpose oder Sinnvolle Arbeit wird der nächste große Hype in der HR- und Management-Branche. Da sind wir noch lange nicht am Peak. Während New Work gerade ins Tal der verbrannten Mode-Sau abrutscht, dürfte Purpose in den nächsten zwei, drei Jahren richtig abgehen. Finde ich das gut? Ja und Nein.

Als Bergmannianer schätze ich den Versuch jedes Einzelnen, eine Arbeit zu erreichen, die er „wirklich, wirklich will“. Eine Arbeit, die seinen Stärken und Bedürfnissen entspricht. Wobei ich Arbeit weiter fasse als Arbeitsplatz. Einen Arbeitsplatz kann man verlieren, die innere Bestimmung nicht. Dass Arbeit eine fundamentale Konstante der menschlichen Existenz ist, kann man schon in der Bibel nachlesen. Der Mensch solle die Welt „bebauen und bewahren“ – Arbeit als Schöpfungsrang. In diesem Sinne schließt sich hier ein durchaus zu begrüßender Kreis zu der aktuellen „Purpose“-Bewegung der modernen Sinnsucher.

Nur – und hier wird es knifflig – liegt in der existenziellen Überhöhung von Arbeit auch eine große Gefahr. Arbeit darf keine spirituelle Krücke oder ein Religionsersatz sein. Aber genau das passiert. Schaut man sich die Formen organisierter Religiosität in Deutschland an (sprich: die großen Kirchen), wird man Zeuge eines beispiellosen Exodus. Die Gläubigen verlassen in Scharen die christlichen Kirchen, ohne spirituellen Ersatz zu finden. Ich behaupte: der Boom der Purpose-Bewegung in der Arbeitswelt ist – nicht nur, aber auch – eine direkte Folge der sprituellen Heimatlosigkeit vieler Menschen. Unsere Unternehmen werden die neuen Kirchen und Kathedralen, werden die neuen Sinngeber und der Kompass für eine richtungslose, aber arbeitswillige Identität.

Wo allerdings der Transzendenz-Bezug verloren geht, regiert die Ichbezogenheit. Das ist die große Gefahr der Purpose-Bewegung. Aus diesem Geist entstehen Zitate von Arbeitnehmern wie „Nur mit einer sinnvollen Karriere kann ich mich selbst verwirklichen“, die man öfters wohlfeil in Business-Netzwerken wie XING oder LinkedIn liest. Gegen persönliche Sinnsuche ist nichts einzuwenden, nur muss der größere Zweck, der höhere Sinn stets mitgedacht werden. „Sinnvolles tun“ heißt auch immer „sinnvoll sein“ für den anderen. Man könnte es auch den Dienst an der Gemeinschaft nennen. Dieser hat es jedoch in unserer Zeit des Ego-Boostings und der offensiven Selbstvermarktung schwer.

Welche Rolle spielen dabei die Unternehmen? Sie springen nur zu bereit in die spirituelle Lücke und gerieren sich als Sinngeber, als angeblich altruistischer Geburtshelfer unseres persönlichen Arbeitssinns. Doch allzu oft endet dieser emotionale Kapitalismus mit oberflächlichen Versprechungen und einer Selbstausbeutung der Gläubigen, die im Austausch für die dargebrachte Opferzeit identitätsstiftende Sinnangebote erwarten. Doch Vorsicht: „Man misstraue den Danaern, wenn sie Geschenke bringen!“ Es kann nicht Aufgabe von Unternehmen sein, existenzielle Fragen nach dem Lebenssinn des Einzelnen zu beantworten. In dieser Hinsicht liegt in der Purpose-Bewegung nicht nur eine große Chance, sondern auch eine große Gefahr. Denn echte Spiritualität findet man nicht auf dem Gehaltszettel.

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