Warum wir lieber glauben als denken

Im Moment habe ich das Gefühl, viele Menschen klammern sich an nicht beweisbare Strohalme. Niemand kann mir erzählen, er wüsste wirklich, was der Europäische Rettungsschirm für Ausirkungen auf die Wirtschaft hätte. Und niemand weiß wirklich, wie sich das Wetter in 50 Jahren entwickelt haben wird. Wir wissen nicht einmal, ob wir morgen nach der Arbeit sicher nach Hause kommen werden.

Seit der Aufklärung versuchen wir aus der – wie Kant es nannte – „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ auszubrechen. Wir haben die Wissenschaft entdeckt und intensiviert. Menschen wie Galiliei haben dafür große Opfer gebracht. Physik, Chemie, technische Ingenieursleistungen etc. haben die Menschheit vorangebracht. Die Autos, die wir fahren, die Kaffeemaschinen, die wir benutzen, die Kleidung, die wir tragen – das alles wäre nicht ohne die abendländische Tradiotion der Wissenschaft entstanden. Eigentlich Grund genug, ein Lob der Wissenschaft zu singen und ihre Tradition fortzuführen. Ist doch die Wissenschaft die einzige geistige Disziplin, die ausdrücklich auf den Sokratischen Spruch setzt: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Ein guter Wissenschaftler wird immer akzeptieren, dass er nicht der Weisheit letzten Schluss entdeckt hat. Es geht immer weiter, ein Ende ist nie erreicht.

Trotz unserer abendländischen Tradition, trotz der wissenschaftlichen Errungenschaften wird die Wissenschaft in jüngerer Zeit immer mehr geschmäht und nicht ernst genommen. Warum? Meiner Meinung nach aus mehreren Gründen:

  1. Wir kapitulieren vor der Komplexität des Lebens. Es wird uns alles zuviel: die Arbeit, die Organisation des Alltags, die Kommunikationsflut. Bei wahrlich komplexen Phänomenen wie der Kernkraft oder dem Klimawandel winken wir darum nur müde ab und bilden uns aus der Quersumme der medialen Bestürmung und unserem laienhaften Bauchgefühl eine Meinung.
  2. Wir verachten den Verstand. Wir finden es mittlerweile chic, „intuitiv“ zu sein und glauben, damit die nächste Stufe der Evolution zu erreichen. Diese sogenannte Intuition ist aber in 90% der Fälle nichts anderes als ein unqualifiziertes Bauchgefühl. Warum, habe ich in diesem Artikel beschrieben. Die Esoterik-Szene bedient dieses warme, wohlige Gefühl, dass alles „irgendwie gut werde“, nach Kräften. Vor allem aus dem asiatischen Raum werden Philosophien importiert, die, so von ihrem kulturellem Boden entwurzelt, in unseren Breiten kaum Sinn ergeben.
  3. Wir glauben, ständig belogen zu werden. Aufgrund schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit (Guttenberg, Barschel, „Die Renten sind sicher“ – Geschwafel etc.) extrapolieren wir in die Zukunft und sprechen den Äußerungen vermeintlicher und tatsächlicher Autoritäten den Selbstzweck ab. Wir vermuten immer dunkle Interessen oder gefälschte Daten hinter den Statements.
  4. Wissenschaftler leben und sprechen in ihrem Elfenbeinturm. Die meisten geben sich nicht einmal Mühe, ihrem Publikum Dinge verständlich zu machen. Und wer etwas nicht versteht lehnt es erstmal ab, weil es Frust produziert. Daher bräuchten wir im Moment nichts so dringend wie fähige Wissenschafts- und Wirtschaftsjournalisten, die das Fachchinesisch von Wissenschaftlern ins Deutsche übersetzen.

Diese Wissenschaftsfeindlichkeit beschert uns (unter anderem) die Kreationismus-Debatte in den USA, das Abgleiten der Klimawandel-Diskussion in eine gegenseitige Hexenverbrennung und eine Überschwemmung der Management-Literatur mit fragwürdigen Führungs- und Organisationskonzepten. Wohin das führt, zeigt sehr schön diese Episode des US-Entertainers Jon Stewart.

Natürlich ist es gut, Gefühle in sein Leben zu integrieren. Doch wenn es um die zivilisatorische Entwicklung der Menschheit geht, sollte man der Wissenschaft wieder ihren dominierenden Platz einräumen. Ja, auch Wissenschaft braucht Kontrolle. Und ja, es wird auch dort immer wieder Fälscher und Heißluft-Produzenten geben. Aber nur Shakra-Schütteln hat noch keine einzige Tasse Espresso produziert.

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Jana
Jana
8 Jahre zuvor

Abgesehen davon ist Intuition dennoch wichtig. Aber nur als Ying-Yang Aspekt derselben Münze. Wichtig: die linke Hirnhälfte steuert grob gesagt die Ratio, die rechte die Emtionen. Entscheidend ist, dass diese Wahrnehmung 10%-90% verteilt ist. Schaltet man die 10% Ratio aus, wird ganz schnell Einfluss möglich, der sich am kritischen Denken vorbeischummelt. Vielfach zu beobachten bei: * Medien * NLP * Marketing / „Verkaufstechniken“ * Esoterik * Manipulation jedweder Gruppierungen * natürlichen Trancezuständen im Tagesverlauf (TV, Fahrt mit den Öffentlichen – hoffentlich nicht im Auto…, Lesen) Von daher ist es nicht die Intuition oder deren Bewertung, die ich verteufele, sondern das… Weiterlesen »

Jana
Jana
8 Jahre zuvor

5. FÜNFTENS: Medien scheinen uns das selbständige Denken und engagierte Handeln abtrainieren zu wollen, vorneweg die großen Privaten und Boulevardmedien. – Warum wohl?

In welchen Kreisen sind diese Unternehmen organisiert? Cui bono? Die Antworten sind da und sie sind böser als die meisten wahrhaben wollen.

Grips einschalten.

Ina
Ina
8 Jahre zuvor

Ich sehe das ähnlcih, die meisten Menschen klammern sich an Sicherheiten die absolut nicht existieren. Ich kenne soviele Menschen die sich gerne Selbständig machen würden, sich aber nicht trauen, dabei ist eine Arbeitstelle genauso unsicher in der heutigen Zeit..

gabaretha
8 Jahre zuvor

Lieber Markus Väth,
WIR? Ich spreche für mich. Ich nicht.
Auf die Gefahr, dass ich mich bei Ihnen gleich sehr unbeliebt mache, möchte ich sagen, dass auch Sie nur für sich sprechen können.
Wissenschaftler behaupten nicht – Wissenschaftler hinterfragen, dokumentieren und beweisen.
Ausprobieren? Testen? etwas Neues zulassen?
…sollte im Geist der Wissenschaft fest verankert sein.
Eine gesunde Neugier bringt die Menschen vorwärts!
Aber manche Menschen möchten halt lieber alles ganz anders, nur soll bitte alles so bleiben wie es ist.
Besser und besser,
Gaba

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