Warum wir weniger fühlen und mehr denken sollten

Wir leben in einem Zeitalter des Gefühls. Nein, der Gefühligkeit. Und das ist eine Katastrophe für uns alle. Wir leben in den selsbtverstärkenden Filterblasen unserer sozialen Medien, konsumieren tonnenweise Hysterie, Angst und Weltuntergangsstimmung und wundern uns dann, dass uns alle Sicherungen durchbrennen. Mittlerweile sind manche Personen der Öffentlichkeit im Grunde nur noch einen Schritt von ihrer Einweisung in die Psychiatrie entfernt. Nur merkt es keiner, weil alle an der gleichen Störung leiden: dem Vertrauen in das eigene Gefühl als Richtschnur zur Beurteilung der Welt.

Gefühle ersetzen Fakten

Es gibt ein Video im Netz, in dem eine amerikanische Nachrichtenmoderatorin verzweifelt versucht, den Politiker Newt Gingrich mit Fakten zu konfrontieren: über sinkende Verbrechensraten, verbesserte ökonomische Zahlen etc. Gingrich weigert sich kategorisch, das zur Kenntnis zu nehmen. Der Dialog nimmt absurde Züge an. Die Moderatorin: „Aber das sind doch Fakten, das sind offizielle Zahlen!“ Gingrich: „Aber ich FÜHLE das nicht.“ Das Ganze gipfelt in Gingrichs Behauptung, er sei als Politiker nicht zuständig für Fakten, sondern für die Gefühle seiner Wähler. Was für ein Statement eines der mächtigsten Politikers der Republikaner! Gar nicht zu reden von Donald Trumps geifernden Reden, die vor Lügen und puren Gefühlsbehauptungen nur so strotzen.

Man sollte das nicht vorschnell als amerikanisches Phänomen abtun, nach dem Motto: „Die spinnen sowieso, die Amis!“ (siehe Waffengesetze, Todesstrafe und ähnliches.) Nein, das Anti-Intellektuelle, Denkfeindliche, das Stolzsein auf die pure Emotion ohne Hirneinschaltung hat längst Europs erreicht, und zwar flächendeckend. Dafür gibt es politisch ein klares Fieberthermometer: Je antiintellektueller und gefühlsduseliger ein Land wird, desto stärker werden rechtspopulistische und nationalistische Kräfte. In Sachsen gibt es nur 3 % Ausländer? Egal, man „fühlt“ sich bedroht. Der Rat praktisch aller ökonomischen und politischen Sachverständigen, der Brexit führe Großbritannien ins Chaos? Wurscht, man „fühlt“ sich von der EU gegängelt und von Migranten überfremdet. Man lügt sich sein Weltbild zusammen und verlässt – wie Nigel Farage – als Feigling die politische Bühne, nachdem man sein zerstörerisches Ziel erreicht hat.

Zeit für eine neue Aufklärung

Ich selbst habe und zeige gern Gefühle, aber man sollte doch die Kirche im Dorf lassen. Besonders, wenn es um die Gestaltung politischer und wirtschaftlicher Realitäten geht. Es wird, und da hat ein Kommentator der Wirtschaftswoche völlig Recht, Zeit für eine neue Epoche der Aufklärung: „Die Europäer rühmen sich für diesen Prozess einer geistigen und sozialen Reformbewegung, gesteuert durch rationales Denken. Die Aufklärung ist ein ständiger und niemals abgeschlossener Prozess. Entweder wir beleben ihn neu oder wir ziehen wieder zurück in die Höhle. Das wäre der Preis für unsere intellektuelle Selbstaufgabe.“

New Work ist für mich Teil dieser Aufklärung. Es geht eben NICHT um Feelgood Manager oder das gequälte „Tschakka-Tschakka“ von Mitarbeitern in gefühligen Change-Workshops. New Work ist eine philosophisch begründete Bewegung der Aufklärung, ein Sprachrohr, das die Anforderungen der jeweiligen Zeit spiegelt, analysiert und entwickelt: von John Locke über Max Weber, über die Psychologen der „rationalen Wende“ bis hin zu Richard Sennett und Frithjof Bergmann. Daher rufe ich Sie auf, lieber Leser: Lasst uns endlich wieder denken!

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