Wie der SPIEGEL eine Lanze für reaktionäres Hierarchiedenken bricht

Bild eines teammeetings

Der SPIEGEL bricht (mal wieder) eine Lanze für einsame Wölfe und traditionelles Hierarchie-Denken. In Person von Klaus Werle findet sich dort ein Artikel, der Teamentscheidungen als „Quatsch“ tituliert und Führungskräften subtil von Personalmagazinen abrät und eher die gepflegte Literatur von „Conny“-Jugendheften empfiehlt (nicht meine Pointe, lesen Sie nach!).

Die Lösung des Autors – ein logischer Kurzschluss

Werle demonstriert ein tatsächlich vorhandenes Problem, investiert jedoch kein Nachdenken in neue Lösungswege und nimmt lieber gleich die populistische Abkürzung: Teams könnten keine vernünftigen eigenen Entscheidungen treffen, weil sich Mitarbeiter, einmal konfrontiert mit der Möglichkeit dieser Machtausübung, in intrigante, egoistische Subjekte verwandeln würden (eine Projektion des Autors selbst?). In der Folge würde ein Team sozial implodieren und die Führungskraft müsste schließlich doch zurück zur einsamen Entscheidung. Die Welt von Werle ist wieder in Ordnung.

Einen solchen Artikel kann man nur schreiben, wenn einem gewisse Dinge abgehen: Vorstellungsvermögen etwa, ein positives Menschenbild oder das Wissen über heutige, komplexe  Arbeitsabläufe. Wo diese Einsichten fehlen, reagiert zwangsläufig der Geist des Gestern. Welche Einsichten könnten den SPIEGEL also eventuell in der Zukunft bewegen, kein reaktionäres Hierarchiedenken mehr zu beförden, sondern den Geist zu weiten?

Die heutige Wirtschaft spricht die niederen Instinkte des Menschen an

Da wäre zunächst über ein positives Menschenbild zu sprechen. Autoren wie Werle gehen anscheinend davon aus, dass sich Mitarbeiter in egomanische Furien verwandeln, wenn Kompetenz und Verantwortlichkeit verteilt wird. Selbstverständlich kommt das auch vor, aber häufig im Kontext des heutigen beruflichen Rattenrennens und einer gewissen Karrieregeilheit, die von Unternehmen durchaus gefördert wird. Du willst mehr Geld und Status? Dann unterwirf dich den Zwängen der Hierarchie, fahr’ die Ellenbogen aus, let’s get ready to rumble! Wir haben es in der Wirtschaft mit pervertierten Belohnungs- und Bestrafungssystemen zu tun, die Egomanie und Skrupellosigkeit (und damit das von Werle angesprochene Verhalten) nicht nur nicht sanktionieren, sondern aktiv fördern.

Demokratie braucht Struktur? Selbstverständlich.

Demokratische Entscheidungen bedeuten nicht, dass alle durcheinanderplappern, genauso wenig wie beispielsweise ein kreativer Prozess nur aus Brainstorming besteht. Selbstverständlich braucht ein Entscheidungsprozess im Team Regeln und Strukturen. Dafür gibt es auch genügend Modelle wie die Soziokratie oder den Konsultativen Einzelentscheid; die Liste ist lang. Eine pfiffige Führungskraft würde also nicht „Conny“ lesen, sondern Literatur zu entsprechenden Entscheidungsmodellen, New Work und neuer Arbeitskultur. Daher ist Werles Argumentation zumindest unredlich, da man von einem Autor des „manager magazins“ erwarten kann, dass er nicht nur traditionelle Managementmodelle kennt und beurteilen kann, sondern sich auch über neue Ansätze auf dem Laufenden hält.

It’s the collaboration, stupid!

Eine Führungskraft, die glaubt, alles allein entscheiden zu können und zu müssen, leidet entweder an Größenwahn, Realitätsverweigerung oder Burnout. Schnelligkeit und die Notwendigkeit zur operativen Improvisation erzwingen geradezu eine Entscheidungskompetenz des Teams. Im Idealfall muss ein Team auch ohne Führungskraft funktionieren. Erst dann kann man von guter Führung sprechen. Ja, Sie haben richtig gelesen: Eine gute Führungskraft macht sich mit der Zeit überflüssig. Das ist genau das Gegenteil einsamer Entscheidungen. In diesem Szenario wird eine Führungskraft zu einem Motor der (strukturierten) Demokratisierung von Entscheidungen in ihrem Team. Denn an diesem Punkt hört die Arbeit ja nicht auf und die Führungskraft kann nach Hause gehen. Im Gegenteil. Erst jetzt wird es für echte Führungskräfte interessant, denn nun hat man Luft für Visionen, Strategien, echte Verbesserungen. Und dafür kann und sollte man ruhig in demokratische Entscheidungsprozesse als entsprechende Vorstufe investieren.

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