Wie Sie lernen, Nein zu sagen

In Burnout-Coachings höre ich immer wieder von Klienten: „Ich kann einfach nicht Nein sagen! Ich kann keine Grenzen ziehen!“ Sie meinen damit meist, irgendwelchen Arbeitsanforderungen ihres Chefs nachzukommen und den Projektbericht oder was auch immer auch noch wegzuarbeiten. Nur um zu wissen, dass danach wieder eine neue Aufgabe wartet. Und wieder eine. Und wieder eine.

Bleiben wir einen Moment beim „Nein sagen“. Zunächst einmal ist es ein grundlegender Irrtum, wenn ein Burnout-Betroffener meint, er könne nicht Nein sagen. In der Tat sagt er ständig „Nein“, und zwar zu seinen eigenen Bedürfnissen. Insofern führt bereits das Eingangsstatement „Ich kann nicht Nein sagen!“ in die falsche Richtung und geht vom falschen Problem aus. Das Problem ist nicht, dass Sie nicht Nein sagen können. Das Problem ist, dass Sie es zu den falschen Leuten sagen. Dies ist ein wesentlicher Unterschied in der Betrachtungsweise, finden Sie nicht?

Also: Wir können davon ausgehen, dass Sie Nein sagen können. Nicht zu Ihrem Chef oder den Kollegen, aber sehr wohl zu Ihrer eigenen Stimme, die sagt: „Geh jetzt nach Hause. Ruh dich aus.“ Ergo haben Sie kein Fähigkeiten-, sondern ein Prioritätenproblem.

Auf den ersten Blick mag das wie Haarspalterei wirken, ist es aber nicht. Der Satz „Ich kann etwas nicht“ lässt Menschen viel leichter resignieren als der Satz „Ich kann dies und das sehr wohl, aber setze es noch nicht richtig ein.“ Darum nochmals die frohe Botschaft: Sie können sehr wohl Nein sagen. Sie tun es auch ständig. Nur zu den falschen Leuten.

Wie lernen Sie nun, ihr „Nein“ richtig einzusetzen?

Nein zu anderen Menschen zu sagen, lernt man nicht über Nacht. Es ist wie Fahrradfahren und erfordert einige Übung. Auch einfache Trainings bringen da nichts, weil diese nicht an den Verlustängsten arbeiten, die kommen, wenn Sie Nein sagen. Bislang sagen Sie Nein, weil die Kosten, die Sie befürchten, zu hoch wären: Der Chef ist vielleicht verärgert, am Schluss werden Sie gefeuert, stehen auf der Straße, haben kein Geld mehr, Ihre Beziehung zerbricht und Sie krepieren einsam in der Ecke. So bewusst haben Sie das wahrscheinlich noch nicht zu Ende gedacht, aber am Ende lauert diese unbewusste Gedankenkette bei vielen Menschen, die „nicht Nein sagen können“. Es ist die – ganz natürliche – Angst vor Ablehnung, die uns eher fleißig nicken lässt als eine Grenze zu ziehen und auch mal Nein zu anderen Menschen zu sagen.

Diese Kosten-Nutzen-Rechnung wird meist erst im Burnout neu aufgestellt, und zwar nicht aus neu gewonnener Weisheit, sondern aus schierer Not. Entweder lernt man jetzt, auch zu anderen Menschen Nein zu sagen (zu sich selbst hat man ja schon sehr lange Nein gesagt) – oder man stirbt mental, emotional oder gar physisch. Das heißt, auf einmal wären die Kosten des bisherigen Verhaltens so hoch, dass es nicht mehr aufrechterhalten werden kann.

Der wichtigste Schritt zum Neinsagen ist, sich selbst als genauso wichtig zu nehmen wie andere Menschen. Das fällt uns in der Regel schwer, weil wir gelernt haben, uns zurückzunehmen, höflich zu sein und erst die Bedürfnisse anderer zu erfüllen, bevor wir an uns selbst denken. Oft geht so die natürliche Balance zwischen eigenen und fremden Bedürfnissen verloren. Burnout ist hier der Extremfall. Erst wenn Sie sich selbst in Liebe annehmen können, hat diese Person – Sie selbst – die gleiche hohe, schützenswerte Priorität wie andere  Menschen, der Chef etc. Wenn Sie von sich selbst als jemand denken, der benutzt und dann weggeworfen werden kann, werden Sie letztendlich immer nur zu sich selbst Nein sagen. Denn wenn Sie sich nicht respektieren und lieben – warum sollten es andere tun?

Darum ist die Fähigkeit, Nein sagen zu können, wie das Erdgeschoss eines Hauses. Erst müssen Sie den Keller bauen, d.h. sich selbst das Recht einräumen, genauso wichtig zu sein wie andere Menschen. Und das lernt man nicht in Methoden-Workshops und Führungskräfte-Trainings, sondern nur in reflektierender Einzelarbeit. Auch durch das Lesen dieses Postings werden Sie nicht automatisch zu einem hervorragenden „Neinsager“. Aber wenigstens wissen Sie jetzt, wo Sie beginnen müssen.

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