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Arme Deutsche Post

Bild eines Briefkastens

Transparenz ist eine schöne Sache. Nur kann sie fürchterlich nach hinten losgehen; das erfährt gerade die Deutsche Post mit ihrem „Entfristungskriterienkatalog“. Da es schon genug Leute gibt, die sich darüber aufregen, will ich mal bewusst die Gegenseite ennehmen.

Was also hat die Deutsche Post getan? Sie hat sich erdreistet, Leistungskriterien festzulegen für die Übernahme von einem befristeten in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Da soll doch einer…Dass es in der Wirtschaft um Leistung bzw. Produktivität als ein Generalprinzip an sich geht, scheint in der Melange von ausfallendem Wirtschaftsunterricht, täglichem Unternehmens- und Unternehmerbashing (gerade wieder bei „hart aber fair“ zu sehen) und populistischer Verteilungspolitik irgendwie nicht mehr bewusst zu sein. Marx`200. Geburtstag hat anscheinend nicht wenige Hirne vernebelt. Und dass eine Grünenpolitikerin gleich von „Menschenverachtung“ faselt, zeigt beispielhaft eine aparte Mischung aus Ahnungslosigkeit und fehlendem Blick für moralische Dimensionen.

Was der Post meiner Meinung nach das Genick gebrochen hat, waren die Krankheitstage als Teilkriterium – und das auch noch mit einer fixen Quote von 20 Tagen bzw. sechsmaligem Erkranken innerhalb von zwei Jahren. Das ist auf den ersten Blick tatsächlich schwierig. Aber vor allem Menschen, die nicht in der freien Wirtschaft arbeiten (also zum Beispiel Politiker oder angestellte Redakteure des öffentlich-rechtlichen Rundfunks), können ein solches Kriterium nicht richtig bewerten. Gerade bei Krankheitstagen betrachtet jedes Unternehmen und jede Führungskraft den Einzelfall – was übrigens auch die Post sofort betont hat. Aber egal. Wer heutzutage auf der moralisch „bösen“ Seite steht, kann argumentieren, wie er will. Er hat schon verloren.

Nur Beamte, die in Formularen und Verwaltungskästchen denken oder aufgeputschte Journalisten kommen auf die Idee, die zwanzig Krankentage in zwei Jahren würden wie ein Rasenmäher über die Belegschaft gefahren. Ich persönlich glaube, dass aus den unterschiedlichen Kriterien, die die Post bei der Erwägung der Entfristung anlegt, ein Gesamtbild des Mitarbeiters erstellt wird, unter Abwägung aller Fakten. Der kollektive Aufschrei im Fall „Entfristungsgate“ ist für mich daher schlicht und ergreifend Heuchelei:

  • Die Politik will, nachdem sie so ziemlich alle Waffen der Flexibilisierung geladen und entsichert hat (Hartz IV, Leiharbeit etc.), auf einmal Moralapostel spielen und über ihre Unternehmensbeteiligungen das Phänomen Entfristung „prüfen“. Sollen sie erstmal ihre Mitarbeiter in den Ministerien und im Bundestag anständig anstellen und bezahlen. Was da an Befristung rumrennt bis hinauf in qualifizierteste Bereiche, ist, nein, nicht menschenverachtend, da haben schon die Grünen das Patent drauf, aber menschlich mies.
  • Die Journaille stimmt mit ein, weil sie Klicks und Leser brauchen, und da macht sich moralische Empörung immer gut. Leider fällt die wirtschaftspublizistische Kompetenz da immer mehr hinten runter. Die Qualität der Berichterstattung leidet. Übrigens: Objektivität in allen Ehren – aber manch „Wirtschaftsjournalist“ scheint eher ein „Anti-Wirtschaftsjournalist“ zu sein.
  • Die Kunden heucheln, weil sie sofort ätzende Beschwerdekommentare posten, sollte das Amazon-Prime-Versprechen um EINEN Tag gebrochen werden.

Soviel dazu. Hier noch ein paar Fragen, die MICH interessieren würden:

  • Wo waren die Betriebsräte der Post, als das Ganze abgesegnet wurde?
  • Wie kommt die Post überhaupt auf die Marke von 20 Tagen – vor allem, da eine aktuelle Studie eine mittlere Krankheitsdauer der Postzusteller von 30 Tagen ermittelt hat?
  • Sind die weiterhin Befristeten der strategisch traurige Rest, dessen Wegdigitalisierung bereits geplant ist, und ist das der eigentliche „Skandal“?

Keine dieser Fragen geschweige denn Antworten darauf habe ich in den Medien gehört oder gelesen.

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