Coachingbranche

Coaching auf dem Sprung zum Massenmarkt

Wussten Sie schon: Beim Karrierenetzwerk XING können Sie sich jetzt als Coach registrieren. Mehr noch: In meinem Fall wurde ich vom System geradezu aufgefordert, das zu tun. Offenbar hatten die Algorithmen entschieden, dass ich „würdig“ sei für eine Registrierung. Oder auch nicht. Ein Kollege meinte ironisch: „Schau mal, 7 Millionen Coaches bei XING“. Ganz so schlimm es ist zwar nicht, aber schon jetzt, ca. vier Wochen nach dem Start, haben sich laut Website „mehr als 50.000 Coaches“ aus Deutschland, Österreich und der Schweiz eingetragen. Das Portal bezeichnet sich daher als „führende Coaching-Plattform“.

Das dürfte massemäßig sogar hinkommen, von der Qualität her sicher nicht. Das mag man beurteilen, wie man will, aber die XING-Aktion markiert meiner Meinung nach einen weiteren Schritt von Coaching in Richtung Massenmarkt. Und Masse heißt nun mal: Verbreiterung des Angebots, Ausdifferenzierung der Qualität, veränderte Wahrnehmung auf Kundenseite und mittelfristig eine Umstrukturierung des Marktes.

1. Verbreiterung des Angebots

Coaching differenziert sich vor allem in zwei Dimensionen aus: erstens als Begriff und zweitens als Format. Über die begriffliche Unschärfe von Coaching ist schon viel geschrieben worden, auch von mir. Ob es um Back-Coaching oder Invemstment-Coaching geht – für die Begrifflichkeit gilt: anything goes. Sogar „Immobliencoaching“ gibt es – und zwar wird die Immobilie gecoacht, nicht der Immobilienverwalter. Selbst gesehen, in der Nürnberger Innenstadt. Manches ist halt so gut, das kann nicht erfunden werden.
Interessanter wird die Ausdifferenzierung von Coaching als Format. Es löst sich von der Zweierbeziehung im Live-Gespräch, hin zu Telefon-Coaching (das schon länger), aber auch Video-Sessions, E-Mail-Coaching, Chats. Dazu passt, dass sich der nächste Erdinger Coaching-Kongress in Erding mit den Möglichkeiten und Risiken von „Online“ im Coaching befasst. Coaching wird virtuell, sinnvollerweise? Das weiß ich nicht. Ich bin eher ein Freund des face-to-face, vielleicht zu Unrecht. Die Studien zur Wirksamkeit von Online-Coaching (und übrigens auch zu Online-Psychotherapie) laufen noch.

2. Ausdifferenzierung von Qualität und Preis

Wo es in die Masse geht, diffundiert in der Regel auch die Qualität nach oben und nach unten. Da wird es vieles geben, vom Low-Budget-Anbieter für das schnelle „One-Stop-Coaching“, bezahlt über die Telefonrechnung. Da wird es weiterhin den „Wald-und-Wiesen-Coach“ in der Mitte geben, dessen Sätze um seine eigene Markterfahrung und um spärlich vorhandene Marktspiegel (wie die jährliche Coaching-Studie von Jörg Middendorf) oszillieren. Und da wird es den Spezialisten geben, der durch Image oder Themen-Führerschaft hochpreisig sein und bleiben wird.

Natürlich ist der Preis gerade im Coaching nur begrenzt aussagefähig bezüglich der Qualität. Aber es gibt Richtwerte. Laut BCO-Coaching-Studie lag 2014 der durchschnittliche Stundensatz bei 130 EUR (für Privatzahler) und 187 EUR (für B2B). Man muss nur zehn Minuten googlen, um die enorme Preisspanne festzustellen, die im Coaching-Markt herrscht. Meine persönliche Meinung: Auch im Coaching kostet Qualität Geld.

3. Veränderte Kundenwahrnehmung

Der Ausdifferenzierung des Marktes steht eine einheitliche Wahrnehmung von „Coaching“ auf Sieten der Kunden gegenüber. Während sich der Markt also differenziert und reift, bleibt „Coaching“ für den Kunden oftmals ein Label, das er erst mit Leben füllen muss. Immerhin sind viele Kunden schonmal „internetschlau“, wenn sie ins Erstgespräch kommen und haben – im Gegensatz zu früheren Zeiten – eine rudimentäre Ahnung, was sie in einem Coaching erwartet.

Auch der aktive Vergleich von Coaches hat meiner Meinung nach zugenommen. Man geht zu zwei, drei Leuten und entscheidet sich dann bewusst für jemanden. Auch in dieser Hinsicht zeigt sich die gewachsene Augenhöhe von Coach und Kunde. Mehr noch: Der Coach wird – und das ist das Negative – in den Augen mancher Kunden ein Dienstleister auf der Stufe des Friseurs oder des Physiotherapeuten. Ich persönlich merke das am Verhalten von Interessenten.  Am ärgerslichsten ist es, wenn potenzielle Kunden gar nicht zum Erstgespräch kommen – ohne abzusagen. Solcherart geplatzte Termine hatte ich bis vor ein, zwei Jahren vielleicht drei pro Jahr. Das ist schon deutlich gestiegen. Das Kommunikationsverhalten und die innere organisatorische Verpflichtung der Kunden ist, denke ich, lockerer geworden.

4. Umstrukturierung des Marktes

Äußerst neugierig bin ich, wie sich der deutsche Coaching-Markt in den näcshten Jahren strukturieren wird. Ich persönlich denke, dass sich größere Coaching-Firmen gründen werden, über lockere Netzwerke hinaus. 2014 jedenfalls waren noch 59% der Coaches in Deutschland Einzelkämfer (laut BCO-Coaching-Studie). Als nächstgrößere Einheit hätten wir die Netzwerke, die ebenfalls bereits gang und gäbe sind. Aber ob sich aus diesen Netzwerken tatsächliche Firmen gründen, das weiß ich nicht.

Der Markt scheint dafür noch nicht bereit zu sein. Ich selbst habe ja mit MENSCH & CHANCE ein einheitliches Label am Start. Schon vor zehn Jahren, als ich mit Coaching begonnen hatte, wollte ich eine Marke platzieren, weg vom Bezug zu einer Person a la „Max  Mustermann Coaching und Beratung“. Ich halte das strategisch immer noch für die richtige Entscheidung, doch der Markt ist immer noch ein „people business“. Das bekomme ich bislang durch die Bank so gespiegelt. Was soll’s, ich kann warten.

Denkt man den Coaching-Markt noch ein wenig größer, haben wir als letztes tatsächlich die Big Player. McKinsey gründet, glaube ich, eine eigene Coaching-Abteilung; auch große Personalberatungen sind dabei. Die strahlen quasi „von oben“ in den Markt rein und setzen ihre etablierte Marke gegen das personalisierte Klein-Klein.

Fazit

Der Coaching-Markt ist grundsätzlich zersplittert. Ob und wie sich der Markt in den nächsten zehn Jahren konsolidieren wird, ist noch nicht abzusehen. Möglicherweise wird sich der Markt selbst kannibalisieren und die mit dem längsten Atem werden übrig bleiben. Oder es wird irgendwann ökonomisch sinnvoll, tatsächliche Coaching-Firmen zu gründen, die die zusätzlichen Kosten und das Backoffice rechtfertigen. Mit Sicherheit bleibt Coaching eine der faszinierendsten Möglichkeiten, Menschen auf ihrem Weg zu begleiten. Und das ist für mich das Wichtigste.

Photo © monique72

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0 Gedanken zu „Coaching auf dem Sprung zum Massenmarkt

  1. XING setzt ja seit einigen Wochen mit dem aktiv beworbenen „ProCoach-Portal“ noch eins drauf. Hier können zahlungswillige noch stärker in Erscheinung treten – und den „Titel“ ProCoach nutzen. Erstaunlicherweise stellen viele dieser „ProCoaches“ keine Qualifizierungen, Ausbildungen oder Zertifizierungen auf ihr Portal. Ist das wirklich PRO?
    Auch ich sehe das für das bisher durchaus positive XING Image als problematisch. Hier entlarvet sich XING als „Umsatz-Portal“ ohne Richtlinien oder Orientierung.

    Grüße an alle „echten ProCoaches“,
    Bernhard Bartsch (Senior Coach DBVC)

  2. Die Diskussion über „gute“ und „schlechte“ Coaches gibt es schon lange und wird es sicherlich auch noch lange geben, mindestens so lange bis es eine einheitliche Regelung gibt. Doch ist diese ja ebenfalls noch in weiter Ferne.
    Bis dahin darf es jeder so gut machen wir er kann und der Markt wird es regeln. Auch nicht das Schlechteste, wie ich finde.

  3. Durch die „Xing-Coaches“ wird es auf der einen Seite eine „Massenware“. Jeder kann sich bei „Xing“ „Coach“ nennen und unter diesem „Titel“ arbeiten. Ich glaube allerdings eher, dass sich „Xing“ mit dieser Aktion keinen Gefallen tut, wenn „Xing“ für Qualität und Professionalität stehen möchte.

    Verbände wie der DBVC versuchen Qualität zu sichern: http://www.dbvc.de/fileadmin/user_upload/dokumente/Bewerbungspakete_Neu/Professional_Coach_DBVC_Bewerbungspaket.pdf (oder auch hier: http://www.coach-datenbank.de/showmapkw.asp?mappredef=bayern). Wer diese Bedingungen erfüllen kann, wird vermutlich eher Qualität liefern können. Andernfalls kann man sich dann, als Klient, beim Verband beschweren.

    Am Ende des Tages – so meine Erfahrung und Meinung – ist „Business“ Coaching eine wunderbare Massnahme Menschen zu unterstützen, in ihren Organisationswelten „besser“ agieren zu können; bzw, ein „Sparring“ von Ideen und/oder das Zulassen von optionalen Perspektiven.

    Klienten finden sich meist auf Grund von Empfehlungen. Auf der anderen Seite finden Klienten schnell raus, welche Coaches für sie was leisten können.

    Was ist nicht so gut? http://www.coaching-report.de/der-coach/der-falsche-coach-scharlatane.html

    Grüße, Christoph

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