Coachingbranche

Coaching: Maßlose Selbstoptimierung oder sinnvolle Lebenshilfe?

Im Privatbereich treibt Coaching seit einiger Zeit wilde Blüten. Während im Business noch einige Coaching-Varianten durch Budget und gesunden Menschenverstand reguliert werden, sind wir im Privatkundenbereich längst über eine Urknall-Situation hinaus. Die geborenen Sterne driften auf ihrer Bahn ins All. Sprich: Der Coaching-Begriff hat sich verselbständigt. Quasi jeder Coach und jeder Klient versteht etwas anderes darunter. Dass das auf Dauer nicht gutgeht, wurde mir erst kürzlich bewusst, als ich an einem Schaufenster in Nürnberg vorbeilief. Dort war auf der Scheibe der Firma XY geschrieben: XY – denn auch eine Immobilie braucht einen Coach. Gut, dass nebenan eine Mauer war, auf der ich mich abstützen konnte.

Coaching ist ein unscharfer Begriff, auch auf dem Kontinuum  „großes Defizit“ bis „äußerste Selbstoptimierung“. Ist ein Coach für den Klienten eher der Therapeut oder der Klempner? Will er schnelle NLP-Pflaster oder darf’s auch ein bisschen Kindheitserforschung sein? Ich habe noch nie einen Klienten getroffen (außer Vertriebler), der  sinngemäß im Erstgespräch ausgedrückt hat: „Herr Väth, ich bin schon toll, so wie ich bin. Ich will nur noch ein bisschen besser werden.“ In der Regel wollen sich Menschen coachen lassen, weil sie das Gefühl haben, „neben der Spur zu laufen“, einen Mangel zu haben: zu wenig Selbstbewusstsein, zu wenig Flexibilität in der Führung, zu wenig Entspannung usw. Diesen subjektiven Mangel wollen sie beheben, mit unterschiedlichen Erwartungen und unterschiedlicher Veränderungsbereitschaft.

Ich persönlich mache mir Gedanken wie: Wo hört Normalität denn auf und wo fängt der Mangel an? Wie kommt der Klient überhaupt zu seinem „Mangel-Bewusstsein“? In der Regel läuft das nicht nur über persönliche Erfahrungen, sondern auch über die Standards, die die Gesellschaft setzt. Auch wir Coaches setzen diese Standards. Und das gibt mir zu denken. Geben Sie einmal „Coaching“ und „Selbstoptimierung“ bei Google ein. Dann landen Sie auf Coaching-Seiten, die mir persönlich die Haare zu Berge stehen lassen (Zitate spare ich mir an dieser Stelle).

Dort findet man auch ein Statement der Schriftstellerin Friederike Schmöe gegen diesen „Selbstoptimierungswahn“:

Dieses Gelaber von innerer Power, der geheimen Macht des Unterbewusstseins und sofort einsetzbaren inneren Kräften geht mir schon seit Jahr und Tag auf den Keks. Ich habe auch meine Lebenserfahrungen gemacht. [..] Ich weiß, dass es so was wie Schicksal gibt – kumulierende Ereignisse, die wir aus der griechischen Tragödie kennen, Situationen, in der wir nichts mehr richtig machen können, weil das Fatum uns mit sich reißt.

Ich glaube, wir sind alle in der Gefahr der permanenten Selbstoptimierung, der permanenten „Erfolgsgeilheit“ (s. dazu auch das Kapitel 1 meines Burnout-Buches). Und in diese Falle sollten weder Klienten noch Coaches laufen. Wir sollten uns nicht den Maschinen gleichsetzen, die immer und überall optimiert werden können: mit der nächsten Version, dem nächsten Update und der nächsten Generation. Wer sich optimieren muss, kann nicht erlöst werden. Ein spontaner Satz in einem ansonsten langsam getippten, durchdacht-logischen Blogartikel. Ich denke auch, dass zum Menschsein Schicksal gehört, eine Konfrontation mit Situationen, die nicht mehr gemanagt werden können. Wo jede Selbstoptimierung scheitert. Selbstoptimierung schließt Schwäche aus, brandmarkt sie tatsächlich als Defizit, das vor sich selbst und der Welt verurteilt gehört. Als nicht zu einem gehörig, als etwas, das man „wegmachen“ muss. Lassen wir es nicht dazu kommen. Seien wir Mensch. Hören wir auf, uns selbst zu optimieren und bleiben wir ruhig dick, schüchtern, x-beinig, was auch immer. Denn die Perfektion als Höhepunkt der (Selbst-)Optimierung lächelt uns von ihrem hohen, kalten Thron an. Dahinter kommt nichts mehr. Nur das kalte, leere All…

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10 Gedanken zu „Coaching: Maßlose Selbstoptimierung oder sinnvolle Lebenshilfe?

  1. Einige gehen zum Coaching, andere zum Therapeuten, wieder andere zum Wahrsager oder Chakra-Reader… Scharlatane gibt es in jeder dieser Branchen (wobei einige Branchen i.e. Psychotherapie deutlich besser reguliert sind als andere, und manche hauptsaechlich auf Scharlatanerie basieren…) Solange es hilft, ist ja gut – aber der Missbrauch kann auch negative psychische Auswirkungen haben, und das ist dann nicht mehr so witzig… Seit alters her wird mit der Sehnsucht der Menschen nack gewissheit und Bedeutung Ausbeutuing betrieben…

  2. Hallo Herr Väth,
    für mich haben die Inhalte mancher „Coaching-Strategien“ die Botschaft. „So wie Du bist, oder derzeit lebst – kannst Du nicht bleiben“ – aber ich habe Dir hier ein Hilfsangebot, ich weiss wie es geht. Ich finde mich aber grade ganz o.k – klar es ließe sich noch ein Optimum herauskitzeln, aber wer bestimmt denn hier was für mich Optimal ist? – Das kann ich doch nur selbst.

    Sicherlich ist es gut, eine Coaching-Hand für gewisse Lebensmotive zur Unterstützung, zu haben. Solange die eigene Persönlichkeit damit eine Förderung erhält, lasse ich mich gerne coachen. Nur – die Selbstoptimierung enthält auch „Kontrolle über vieles haben zu wollen“. Dabei sind genau die absichtslosen Momente im Leben, häufig die wertvollsten. Ich denke gerade (vielleicht ist der Gedanke vermessen) versteckt sich hinter so manchen Teil-Coaching-Angebot ein Helfersyndrom?
    Wie dem auch sei – Für mich käme ein Coach nur in Frage, der nicht nur eine „Symptom-Stütze“ anbietet – sondern einen tieferen Einblick für die Persönlichkeit hat. Ich möchte mich nicht für die Optimierung verbiegen – manches gehört zu meiner Persönlichkeit.

    Wenn ich beobachte wie sich z.B. unser Gesundheitssystem optimiert – bleibt mir die Frage: „Für wen Optimal?“ Es kommt halt immer auch auf den Blickwinkel an.

    Der Begriff Coach ist längst zum Kaugummi-Begriff geworden. Leider.
    Schöne Grüße von Martina Väth

  3. Coaching ist kein geschützter Begriff, Es gibt den Enährungs-Coach, den Fittness-Coach und eben auch den Immobilien-Coach. Wer mit Menschen arbeiten will, sollte auch die Qualifikation dazu erwerben und sich weiter bilden. Wer diese Investition scheut, nennt sich Berater oder Coach. Passieren bei der Arbeit mit Menschen Fehler ist der Schadensersatz gigantisch, denn oftmals überschreiten Coaches ihre Komptenz und auch die Grenze zu erlaubsnispflichtigen Therapien. Um sicher zu sein, sollte man wenigstens den Unterschied zwischen einem kranken und gesunden Menschen kennen.

  4. Hallo Herr Väth,

    ich möchte das Thema „Selbstoptimierung“ gerne einmal aus analytischer Sicht aufgreifen. Zur Optimierung (aus rein mathematischer Sicht) gehören immer eine Zielfunktion (Maximierung, Minimierung) und eine oder mehrere Restriktionen. Und hier sind wir eigentlich auch schon inmitten eines Coaching-Prozesses. Es sollte der Wille des Klienten (selbst) sein, bestimmte Ziele in seinem Leben oder Beruf zu erreichen – und dies unter Berücksichtigung seiner Ressourcen und Fähigkeiten und auch begrenzenden Faktoren.

    Was wäre das Ziel einer Selbstoptimierung? Zur Optimierung (wieder aus mathematischer Sicht) gehört im Idealfall eine optimale Lösung bezogen auf das Modell (hier: das Leben). Ich finde, dass wir hier nicht von „Optimierung“ sprechen sollten. Ein Optimum ist ein sehr hohes Ziel, es geht nicht besser. Geht es für die Klienten und im Coaching nicht vielmehr um „Selbst-Entwicklung“?

    Und hier kann und sollte Coaching aus meiner Sicht ansetzen. Klienten, die Lust und den eigenen Willen haben, an sich zu arbeiten, um sich selbst beruflich oder privat weiter zu entwickeln, dies aber selbst – aus welchem Grund auch immer – nicht schaffen. Als Coach unterstütze ich sie dabei, durch Perspektivwechsel neue Blickwinkel einzunehmen, ihre „Zielfunktion“ zu finden, Ressourcen wiederzuentdecken und diese für den Weg zum Ziel zu nutzen. Das muss nicht unbedingt zum Optimum führen, denn die 10 auf einer Skala von 1 bis 10 streben viele Klienten bezogen auf ihr Ziel gar nicht an.

  5. Hallo Herr Väth,

    das Zitat von Frau Schmöe gefällt mir auch.

    Auf der anderen Seite, sind es nicht nur die Klienten, die meist irgendetwas „besser & passender“ haben wollen, sondern vor allem auch die Auftraggeber, die das Thema „höher, schneller und weiter“ antreibt. Vielleicht auch wegen der Börsennachrichten und den Menschen, die gerne höhere Renditen haben wollen, …

    Ich denke auch, dass professionelles Coaching die Anerkennung des Seins, Möglichkeiten der Potentialentwicklung und auch der Leistungsgrenzen gleichermaßen im Auge haben muss. Das gilt es mit dem Klienten auszuhandeln. Auch das Thema „Zeit“ und Ergebnisse. Kein seriöser Coach kann schnelle und „endgültige“ Ergebnisse versprechen.

    Gleichermaßen muss ich als Coach prüfen, wie anschlussfähig mein Angebot im Markt ankommt.

    Beste Grüße, Christoph Schlachte

    1. Stimmt, im Business Coaching muss ich immer im Dreieck von Auftraggeber-Wunsch, Klientenvorstellung und Machbarkeit agieren. Und das selbstverständlich auf „Anschlussfähigkeit am Markt“ prüfen.

      „Kein seriöser Coach kann schnelle und “endgültige” Ergebnisse versprechen.“

      Wie sehen Sie denn dann das Speed Coaching a la Asgodom? (Siehe auch diesen Artikel.)

  6. Hallo Frau Radtke,

    gefällt mir, Ihr Blogbeitrag. Ich erlaube mir, ihn hier zu verlinken:
    http://www.buerodienste-in.de/2012/07/beratungswirrwarr-ungeschuetzte-berufsbezeichnungen/

    (Auch der Seitenhieb mit der Übertragung passt.) 🙂

    P.S.
    Für mich schließt sich der Ansatz „Stärken stärken“ und die Unterstützung zur Selbstfindung nicht aus. Mir gefällt, wie Herr Schwindt auch schon angemerkt hat, der Perspektivenwechsel: sich auf das konzentrieren, was funktioniert. Und nicht nur in den eigenen Fehlern und Schwächen wühlen. Davon könnten wir uns auch gesellschaftlich eine Scheibe anbschneiden.

  7. Hallo Herr Schwindt,

    grundsätzlich sind natürlich die von innen kommenden Verbesserungswünsche den von außen aufgepfropften vorzuziehen. Doch auch beim „inneren Weizen“, wie Sie es so schön ausdrücken, sollte man unterscheiden.

    Manche Bereiche will ich aus freien Stücken verbessern. Das ist der bessere Fall. Der schlechtere Fall ist, wenn sich Selbstverbesserungswünsche nur als selber ersehnt maskieren. Tatsächlich kommt der Wunsch vielleicht aus einem früh geprägten Glaubenssatz, einem schädlichen Antreiber oder gar aus einer traumatischen Situation.

    Ich gebe Ihnen recht, dass ein Coach Menschen bei deren persönlicher Entwicklung bestmöglich unterstützen soll. Und zum „bestmöglich“ gehört für mich auch, dass ein Coach die Selbstoptimierungswünsche seines Klienten nach den eben genannten „Maskierungen“ überprüft. Denn eines darf man nicht vergessen: Solche Maskierungen verhindern nicht nur die „Selbstverbesserung“, sondern können auf einer tieferen, existenzielleren Ebene auch Leid und Perspektivlosigkeit erzeugen.

  8. Ihr Artikel spricht mir aus der Seele.
    Hier greift der fehlende Schutz für die Berufsbezeichnung. Vor allem wird das Wesen des Coachens ziemlich pervertiert, indem „Hilfen“ angeboten werden, wie Leben und Beruf mit neuen Methoden gemeistert werden können.

    Genau das übernimmt der Coach nicht.

    Auch hat das Coaching wenig mit Stärken stärken zu tun, sondern eröffnet mit gezielten Fragen einen Selbstfindungsprozess. Dass das viel Erfahrung aber auch eine gründliche Ausbildung benötigt, geht bei dem „Jeder coacht jeden in allen Bereichen“ verloren.

    Ich habe mir zum Thema auch etwas ausführlicher Gedanken in meinem Blog gemacht zu finden unter dem Betrag: Beratungswirrwarr – ungeschützte Berufsbezeichnungen

  9. Hallo Herr Väth,

    ich teile Ihre Kernaussage in diesem Artikel, und habe gleichzeitig das Bedürfnis folgenden Gedanken beizusteuern.
    Die Frage ist doch wofür „selbst-optimiere“ ich mich. Für die von Ihnen richtigerweise angesprochenen Standards der Aussenwelt, in der wir leben? Oder für meine eigenen, von mir definierten und gesetzten Wünsche und Lebensziele?
    Ich sehe die Hauptaufgabe eines Coaches insbesondere darin, Menschen bei der Suche nach Ihrem wirklichen Ziel, Ihrer Berufung zu unterstützen, bei der Trennung des Aussenwelt-Spreus vom inneren Weizen. Denn Selbst-Optimierung für bewusst selbst gewählte Ziele ist doch toll.
    Und grundsätzlich würde ich mich ebenfalls darüber freuen, wenn der „Stärken stärken“-Ansatz populärer wäre als der „Schwächen ausmerzen“-Ansatz.

    Beste Grüße,
    Dominik Schwindt

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