R(E)volution

Die Bulletpoint-Epidemie

Die Welt schreit nach einfachen Rezepten. Taucht irgendwo ein Problem auf, wollen alle schnell die Lösung: bitte gleich, bitte gut, bitte übersichtlich. Das allfälligste Merkmal sind die nervenden Bulletpoint-Listen, die meinem Eindruck nach innerhalb des letzten Jahres im Netz massiv zugenommen haben. Besonders beliebt sind sie bei Karriere, Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung:

  • Die 5 grössten Kommunikationskiller
  • Die 5 wichtigsten Verhandlungstipps
  • 6 Anzeichen, dass Sie sich selbst belügen
  • Die 5 wichtigsten Kraftübungen für deinen Trainingsplan
  • 5 Gründe, warum wir unzufrieden im Job sind

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Überhaupt scheinen die Zahlen 3, 5, 7 und 10 Listenschreiber magisch anzuziehen. Oder wann haben Sie das letzte Mal einen Artikel gelesen: „12,5 Gründe, warum man sich keine Gartenzwerge in den Garten stellen sollte“ (könnte übrigens ein guter Artikel werden). Auch ich werde als Artikelschreiber von Magazinen immer wieder dazu angehalten, „schön knackig“ in Bulletpoints zu formulieren. Das möge der Leser. Na gut, mögen ist das eine. Verstehen das andere.

Je unübersichtlicher das Thema, desto größer der Hunger nach Vereinfachung

Womit wir beim direkten Zusammenhang zwischen der Bulletpoint-Epidemie und komplexen Problemen wären. Mir scheint: Je unübersichtlicher die Zeiten, desto größer der Hunger nach Vereinfachung. Früher haben wir uns über Unternehmensberater mit ihren Bulletpoint-Listen lustig gemacht; heute studieren wir selber im Netz „10 Gründe, warum du immer noch Single bist“ oder die „10 Gründe, warum man unbedingt mehr Kaffee trinken sollte“.

Bulletpoint-Listen sind die Teletubbies für Erwachsene: harmlos, folgenlos, leicht zu konsumieren, ohne Tiefgang und schön bunt. Wenn man vor der bösen, anstrengenden Welt fliehen möchte, wäre es allerdings ehrlicher, sich zu betrinken oder in den Wäldern von New Hampshire zu zelten.

Die Wirtschaft folgt keinem Kochrezept

Was Bulletpoint-Listen so gefährlich macht, ist ihre lineare Logik: Mach das, und jenes kommt dabei heraus. Achte auf diese fünf Punkte, und du hast Erfolg im Job. Gehe diese drei Punkte konsequent durch, und das Partnerglück wartet auf dich. Ein solch unterkomplexes Denken mag im persönlichen Leben noch ganz putzig sein und Smalltalk für Parties liefern. Im Business werden solche Vereinfachungen sehr schnell gefährlich. Weil man eventuell blind wird für unvorhersehbare Entwicklungen („Das war so nicht vorgesehen. Was wird jetzt aus unserem schönen Projektplan?“) oder weil man wertvolle Chancen am Wegesrand liegenlässt, weil der Bulletpoint-Plan es eben so vorsieht („Meier, Sie alter Bedenkenträger. Kommen Sie, wir ziehen das jetzt durhc!“). Und gerade heute ist die Anfälligkeit für unterkomplexes Denken groß: Der Wettbewerb wird vielerorts härter, Marktdynamiken nehmen zu, Innovationen erfolgen schneller. All das setzt uns unter Druck und verleitet zu kognitiven Schnellschüssen und verfehlten Vereinfachungen.

Kurz: Die Wirtschaft folgt keinem Kochrezept. Nichts gegen ein paar Denkanstöße, aber lassen Sie sich nicht in die lineare Logik von Bulletpoint-Listen hineinziehen – weder von einem Berater noch von einem Zeitungsschreiber. Leben hat immer etwas Komplexes, Irrationales, Unverhersagbares. So schwer das manchmal zu ertragen ist: That’s life. Oder wie meine Mentorin immer sagte: Sieh es als Chance.

P.S.
Mit diesem Denksprung verabschiede ich mich in die Sommerpause. Die nächste Kolumne gibt es am 15. September.

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