Führung

Der Startup-Hype ist infantil und irrational

Ein Startup und das menschliche Gehirn haben mehr gemein als man denkt. Mit drei Jahren weist das kindliche Gehirn 200 Milliarden Nervenverbindungen auf. Eine beeindruckende Zahl. Das Gehirn geht zu diesem Zeitpunkt geradezu verschwenderisch mit seinen Ressourcen um: bereit, in alle Richtungen zu lernen, die Umwelt in sich aufzusaugen, Probleme zu lösen, Denkstrukturen aufzubauen und vieles mehr. In dieser Hinsicht ist das Gehirn wie ein weißes Blatt Papier: bereit, vom Schicksal beschrieben zu werden. Und immer wieder ein Wunder der Natur.

Auch das Gehirn kann nicht ewig im Startup-Modus bleiben

Ab dem Alter von zehn Jahren halbiert das kindliche Gehirn seine Nervenverbindungen nach und nach auf 100 Milliarden – aber diese Nervenzellen werden jetzt besser verdrahtet. Das Gehirn geht nun nach dem Prinzip vor: Use ist or lose it. Was du übst, was du regelmäßig lernst, mit welcher Strategie du Erfolg hast – das wird nun immer besser und immer schneller gespeichert. Man könnte es auch andersherum, evolutionsbiologisch pessimistisch ausdrücken: Wo eine neuronale Tür aufgeht, geht eine andere zu. Die Zeit des verschwenderischen anything goes neigt sich langsam, aber unaufhaltsam dem Ende zu.

Mit 24 Jahren schließlich sind die letzten Teile des menschlichen Gehirns ausgereift. Das Gehirn hat mittlerweile sehr, sehr viele Erfahrungen gemacht, sich die relevanten herausgepickt und daraus Regeln, Wissen, Vorurteile und Weltsichten gezimmert. Die Nervenanzahl bleibt nun bis ins späte Erwachsenenalter mehr oder weniger konstant (außer man trinkt sich und sein Gehirn regelmäßig unter den Tisch), aber die Erfahrung übernimmt nun mehr und mehr die Interpretation des Erlebten. Man denke nur an das Sprichwort „Der erste Chef prägt – im Guten wie im Schlechten.“

Die Sehnsucht nach Startup ist infantil und irrational

Womit wir bei Unternehmen und ihrem Lechzen nach dem „Startup-Spirit“ wären. Im Moment scheint ja nichts angesagter zu sein als Startups, irgendwie jung und hip wirkende Unternehmen, die es „drauf haben“, „eine coole Kultur“ und sowieso frischer an die Sache herangehen. Davon möchte man natürlich als etabliertes Unternehmen seine Scheibe abhaben, will auch „agil“ sein, „innovativ“, weniger festgefahren und altbacken. Nur – das wird nie funktionieren. Denn Unternehmen altern und lernen wie das menschliche Gehirn.

Stellen Sie sich ein vierzig Jahre altes, mittelständisches Unternehmen vor: Es hat eine Struktur, eine Geschichte. Es hatte und hat wahrscheinlich prägende Menschen in sich. Es hat gelernt: Dinge über seine Kunden, über sich selbst, wie man im Unternehmen Probleme löst, worüber man nicht spricht etc. Es ist wie das Gehirn des 24-Jährigen: leistungsfähig, aber schon fest verdrahtet, nicht mehr so formbar und flexibel wie das Gehirn des 10- oder gar des 3-Jährigen.

Der Notnagel: „Labs“, „Hubs“ oder Ausgründung

Und das ist das Problem: Unternehmen wollen mit ihren StartUp-Aktionen buchstäblich die Zeit und damit die „kollektive Gehirnentwicklung“ ihres Unternehmens zurückdrehen, wollen es in einen Zustand der Prägbarkeit und der geistigen Flexibilität versetzen, den diese Unternehmen – aus gutem Grund – bereits überwunden haben. Das kann nicht funktionieren. Im besten Fall sind diese Unternehmen dann so schlau, einfach ein paar Leute auszugründen und sie auf der grünen Wiese machen zu lassen. Dann hat man aber immer noch das Problem, dass deren Ergebnisse aufgrund der „Gehirnstruktur“ des restlichen Unternehmens nicht anschlussfähig sind: zu speziell, zu anders ist deren Welt, sind deren neue Prägungen.

Lernen braucht Zeit – und ein Zurück gibt es nicht

Es wird in der Regel sträflich unterschätzt, wieviel Zeit und Energie man investieren muss, wenn man ein gewachsenes Unternehmen tatsächlich „geistig neu verdrahten“ will. So etwas geht 1. nur über einen längeren Zeitraum, 2. nur unter Beteiligung möglichst aller Mitarbeiter und 3. in Anbetracht des Risikos, dass eine Verdrahtung herauskommt, die die Unternehmensleitung nicht wünscht. Denn Lernen hat immer auch etwas Unberechenbares, vor allem bei sozialen Prozessen.

Insgesamt sollte man als Erstes den Wunsch der Unternehmensleitung gründlich prüfen und fragen, wozu ein „Startup-Spirit“ tatsächlich gut sein soll. Im Zweifelsfall kann man das „Ziel hinter dem Ziel“ auch mit anderen, weniger tiefgreifenden Mitteln erreichen. Denn das Umlernen von Gewohnheiten ist schon für den Einzelnen schwierig – wie jeder weiß, der schon mal abnehmen wollte. Beim „kollektiven Gehirn“ Unternehmen sollte man noch sorgfältiger und zielgerichteter vorgehen. Und sich eventuell von der Wunschvorstellung „Startup-Spirit“ verabschieden.

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