Führung

Über Cheftricks

Mein Schwiegervater ist kürzlich auf einen Telefontrick hereingefallen und hat sich seine Kontonummer aus den Rippen leiern lassen. Er ist nicht auf den Kopf gefallen und entsprechend vorsichtig. Trotzdem ist es passiert. Shit happens. Und er kam dann Gott sei Dank auch wieder aus der Nummer raus; im Internet kursierten bereits wirksame Tips gegen diesen speziellen Trick. In diesem Sinne: Noch mal gut gegangen.

Weniger Glück hatte eine Buchhalterin, die auf den sogenannten „Cheftrick“ hereingefallen war (Artikel hinter WiWo-PayWall). Der geht so: Betrüger rufen bei Unternehmen an, geben sich als Vorstand oder Geschäftsführer des Unternehmens aus und befehlen eine Überweisung auf irgendein Konto. Das funktioniert erstaunlich gut. Mit ein bisschen Psychologie und ein paar Informationen über das Unternehmen können gewiefte Betrüger hier ganz schön absahnen. Die betroffenene Buchhalterin überwies auch brav 69.000 EUR – und wurde von Ihrem echten Chef, dem Geschäftsführer, fristlos entlassen, als sie selbst ihn am nächsten Tag auf die Überweisung ansprach. Zu spät, das Geld war weg.

Hätten Sie die Buchhalterin fristlos gefeuert? Kann man machen. Ich bin beim Lesen des Artikels aber noch aus anderen Gründen hellhörig geworden:

  • Ein Anwalt wird mit den Worten zitiert: „Die Täter suchen bewusst Unternehmen mit patriarchalischen Strukturen. [..] In solchen Betrieben sind es Mitarbeiter häufig gewohnt, Anordnungen ohne Rückfragen auszuführen.“
  • Das Unternehmen hatte alle möglichen Register der Betrugsprävention gezogen: „Drei Mitarbeiter in der IT prüften die Netzwerke regelmäßig auf Angriffe, alle Mitarbeiter waren von Sicherheitsexperten geschult, kannten den Cheftrick.“ Sogar Messenger-Dienste auf den Dienst-Handys waren verboten.
  • Der Mitarbeiter, der dafür verantwortlich war, dass Name und Durchwahl der Buchhalterin auf der Homepage öffentlich einsehbar waren, wurde nicht bestraft oder gefeuert.

Insgesamt ergibt sich für mich das Szenario eines Unternehmens, in dem das Wort des Geschäftsführers Gesetz ist und er sich auch entsprechend aufführt. Ich weiß nicht, ob die Buchhalterin bezüglich der Überweisung am liebsten bei ihm nachgefragt hätte. Doch selbst wenn: Der Tonfall des Artikels und die geschilderten Aktionen des Geschäftsführers legen das Bild eines klassischen „Machers“ nahe, der erst schießt und dann fragt. So jemandem kommt man am besten nicht mit Zweifeln oder Bedenken. Sonst wird man nur angeblafft.

Was für mich aber vielleicht noch schwerer wiegt: Die Kündigung der Mitarbeiterin war strategisch unklug.

  • Erstens hätte der Geschäftsführer die Gelegenheit nutzen können, sich durch Verzeihen dieses Riesenfehlers eine absolut loyale Mitarbeiterin  heranzuziehen. Ja, 69.000 EUR ist ein echter Oshi, ich weiß. Aber wäre der Geschäftsführer clever gewesen, hätte er ab einem bestimmten Geldbetrag das Vier-Augen-Prinzip für Überweisungen eingeführt.
  • Zweitens wäre die Buchhalterin der einzige Mitarbeiter gewesen, der ab sofort garantiert gegen den Cheftrick immun gewesen wäre (normale Intelligenz vorausgesetzt). Und schon ihre Anwesenheit im Betrieb wäre eine Mahnung für andere gewesen, nicht so leichtfertig zu sein.
  • Drittens hätte der Geschäftsführer sich fragen können, warum die Buchhalterin nicht stutzig geworden war. Ein wenig Nachdenken hätte ihn unweigerlich zu seiner Person und möglicherweise zu einer von ihm verbreiteten Atmosphäre des „Nicht denken, sondern machen“ gebracht. Aber das fällt in den Bereich der Selbstreflexion und ist vielleicht nicht so sein Ding.

In Summe haben hier alle verloren: das Unternehmen Geld, der Chef eine gute Buchhalterin und die Buchhalterin ihren Job. Hätte ich die Buchhalterin gefeuert? Ich weiß es nicht. Jedenfalls scheint mir in diesem konkreten Fall der Schwachpunkt nicht nur im Prozess (siehe Vier-Augen-Prinzip) zu liegen, sondern auch in der Kultur. Und die können Sie nicht so einfach feuern.

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