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Millenials sind nicht sinngetrieben, sondern narzisstisch

Bild eines teammeetings

Glaubt man der Presse, den vielen Konferenzbeiträgen und Büchern zum Thema Millenials, gewinnt man den Eindruck: Mit den Millenials wird alles besser. Sie würden Sinn in ihrer Arbeit suchen, alte Strukturen hinterfragen, Familie und Beruf vereinbaren wollen und die Erde insgesamt zu einem besseren Planeten machen.

Das halte ich, mit Verlaub, für Unsinn. Die Millenials sind nicht besser oder schlechter als die Generationen vor ihnen. In einem Punkt allerdings liegen die Erwartungen der Gesellschaft an die Millenials und deren reale Mentalität meiner Meinung nach gefährlich weit auseinander. Gefährlich deshalb, weil wir etwas in die Millenials hineininterpretieren und sie damit zum Träger einer Hoffnung machen, die sie nicht erfüllen können.

Ich rede von der angeblichen Sinnorientierung der Millenials. Diese zeige sich angeblich besonders in der Arbeitswelt und würde Wirtschaft und Gesellschaft guttun. Meine These: Millenials sind nicht sinnorientiert, zumindest nicht mehr oder weniger als es ihre Vorgängergenerationen waren. Vielmehr entspringt ihr Denken und Verhalten einem tief verwurzelten Narzissmus, der von der älteren Generation gerne fehlinterpretiert wird. Narzissmus ist in diesem Zusammenhang für mich ausdrücklich keine moralische Kategorie, sondern schlicht eine spezielle Art, die Welt und sich selbst darin zu interpretieren. Im Folgenden will ich meine These der narzisstischen Millenials etwas untermauern

1. Anekdotische Evidenz

Das schwächste Argument zuerst: Wenn ich mich mit Lehrern, Ausbildern, Personalern, Führungskräften über Millenials unterhalte, fallen immer wieder die gleichen Punkte: 1. Das Leistungsniveau sinkt (messbar!), auch im längerfristigen Jahresvergleich. 2. Es fehlt zunehmend an Bereitschaft, sich durchzubeißen und auch schwierige Zeiten in Ausbildung und Beruf zu überstehen. 3. Obwohl die Feedbacksucht grassiert, ist die Fähigkeit, Kritik auszuhalten, teilweise drastisch gesunken. 4. Die Frage „What’s in for ME?“ überlagert viele Einstellungen und Handlungen von Millenials, gerade im Arbeitsbereich. Alle diese Punkte zeigen natürlich nur eine sogenannte anekdotische Evidenz und sind somit angreifbar. Dennoch fällt mir im langerfristigen Vergleich auf, dass diese Beschwerden in meinem Umfeld deutlich zugenommen haben.

2. Instant Gratification

Millenials leben – wie wir alle – in einer Welt der Instant Gratification, der „sofortigen Belohnung“. Du willst einen Song? Du kannst ihn sofort bei Spotify herunterladen. Du brauchst einen Kredit? In fünf Minuten hast du ihn via Online-Formular. Du willst einkaufen? Shoppe bei Amazon vom Sofa aus und am nächsten Tag wird es frei Haus geliefert. In Summe machen wir als Konsumenten die Erfahrung: Du willst es? Du kriegst es. Und zwar möglichst sofort. Der Unterschied zu den Millenials ist: Sie sind so aufgewachsen und kennen es gar nicht anders. Die sofortige Bedürfnisbefriedigung ist Teil ihrer Alltagserfahrung und reduziert ihre Frustrationstoleranz dramatisch. Schlecht für den Job, bei dem es eben nicht immer Feedback, sofort sichtbare Entwicklungen oder Erfolge gibt.

3. Individualistische Kultur

In den letzten 30, 40 Jahren haben sich gesellschaftliche Klammern weitgehend aufgelöst: Die Kirchen haben so gut wie keinen Einfluss mehr, die Parteienlandschaft zersplittert, ebenso wie die Ausbildungslandschaft (Wussten Sie, dass man in Deutschland inzwischen über 16.000 Fächer studieren kann?). Der konsumistische Zwang zur Einzigartigkeit besorgt den Rest. Im Ergebnis hat ein junger Mensch gar keine andere Möglichkeit, als sich individuell selbst zu erfinden und dieses Selbst dann auch abzugrenzen und zu verteidigen. Denn es ist alles, was er hat. Selbst tiefergehende Haltungen und Überzeugungen werden designt, an- und ausgezogen wie Kleidungsstücke: Ich trete in keine Partei mehr ein, sondern unterschreibe Petitionen im Internet. Ich verpflichte mich höchstens noch auf Zeit und beende mein Engagement, wenn es mir passt. Ich komme mit einer fordernden Mentalität in die Arbeit: Das Unternehmen muss sich mir anpassen, nicht umgekehrt. Sonst gehe ich.

4. Social Media

Eines vorweg: Ich halte Twitter, Facebook etc. potenziell für eine großartige Sache (und nutze es selbst täglich). Doch eines fällt mir auf: Die Benutzung von Social Media löst – nicht nur bei jungen Menschen – eine permanente Selbstspiegelung aus: Ist es interessant, was ich poste? Wieviele „Freunde“ habe ich? Ist etwas Wichtiges passiert, seit ich das letzte Mal online war? So werden selbst Dialog und soziale Teilnahme zum Vehikel der narzisstischen Nabelschau. Um das abzuwehren, braucht man meiner Meinung nach eine enorme Portion mentale Stärke und Disziplin. Dass diese bei 98 % aller Social Media – Nutzer nicht vorhanden ist, zeigt sich im öffentlichen Diskurs über die Verwendung von Social Media nicht nur in der Schule, sondern auch im Privaten oder am Arbeitsplatz.

Fazit

Meiner Meinung nach projizieren vor allem ältere Zeitgenossen eine sogenannte Sinnorientierung in die Millenials hinein, die schlicht nicht vorhanden ist. Vielmehr entspringen bestimmte Forderungen und Verhaltensweisen wie Feedback-Sucht, hohe Ansprüche an die eigene Tätigkeit bei fehlender Erfahrung oder sinkendes Leistungsniveau einer tiefen narzisstischen Prägung, für die die Millenials nichts können. Sie sind in diese Welt hineingeboren, werden von ihr geprägt und werden sie in Zukunft prägen. Das wird mal schlechter, mal besser funktionieren. Aber die ältere Generation sollte aufhören, Dinge in die Millenials zu projizieren, die nicht da sind. Damt am Ende nicht auf beiden Seiten Enttäuschung herrscht.

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