New Work

New Work: Raus aus dem Nebelbegriff!

Bild eines Wanderers vor Nebelbank

In Gesprächen und Diskussionen höre ich immer wieder: „New Work, das kann ich nicht so richtig greifen. Hat das nicht mit der Digitalisierung zu tun?“ oder „New Work? Klar, das ist das, wo sie jetzt alle zusammen ihren Chef wählen!“ oder „New Work?“ Du meinst wohl New York!“ War alles schon da.

Nun bin ich ein Mensch, der die Dinge genau wissen will. Schon in meiner Coaching-Ausbildung bin ich damit angeeckt. Da wurden uns Teilnehmern mehr oder weniger bunt zusammengewürfelte Theorie-Fetzen präsentiert, die man mit viel gutem Willen „eklektisch“ nennen könnte. Nur für einen ausgebildeten Psychologen mit Ahnung erschien das wie Kraut und Rüben. Leider wurden meine kritischen Fragen dahingehend mit einem Rüffel beantwortet: „Markus, jetzt sei doch mal offen! Vergiss mal deine Schubladen!“ Ich bin allerdings heute noch der Meinung, dass solides Wissen nichts mit Schubladendenken zu tun hat. Aber sei’s drum. Die Dinge genau wissen will ich immer noch.

Ein Turnschuh ist kein Gummistiefel

Auch bei New Work sollten wir uns langsam darum kümmern, den Begriff zu schärfen. Nur wenn wir wissen, was wir unter New Work verstehen, können wir Fragen beantworten wie: Woran erkenne ich ein New Work-Unternehmen? Was will New Work überhaupt? Auf welchen Gedankengebäuden setzt New Work auf? Und um diesen Prozess zu starten, will ich heute mit der Frage beginnen: Was will New Work?

Stellen Sie sich vor, Sie wollen in einem Geschäft einen Turnschu kaufen und wüssten nicht genau, wie ein Turnschuh aussieht. Dem Verkäufer sagen Sie: „Naja, die Dinger haben oben zwei Löcher und man kann Füße reinstecken.“ Hm. Zum Schluss bringt er Ihnen Gummistiefel. Und hätte nicht mal unrecht. Deswegen sollten wir den Turnschuh bzw. New Work möglichst präzise beschreiben können. Nicht nur für uns, sondern auch für den armen Schuhverkäufer.

Talking about a revolution

Machen wir uns nichts vor: New Work versteht sich als revolutionäre Bewegung. Der New Work – Begründer Frithjof Bergmann stellt das Lohnarbeitssystem radikal in Frage und übt deutliche Kritik am heutigen Kapitalismus. Er ist Philosoph und will das Wesen der Arbeit vom Kopf auf die Füße stellen. Nur ein bisschen „agil sein“ oder „digital transformieren“ geht im Sinne des New Work daher genauso wenig wie „ein bisschen schwanger sein“. Daher sind die Instrumente, von Scrum über Design Thinking bis hin zu Open Spaces etc. das Korn, das auf fruchtbarem Acker wachsen muss. Kein Korn ohne Acker, keine New Work – Instrumente ohne entsprechende Haltung. Es geht also in erster Linie nicht um eine technische, sondern um eine kulturelle Revolution. Diese Revolution soll auf drei Ebenen stattfinden: Mensch, Organisation, Gesellschaft. Und sie hat auf diesen drei Ebenen große Ziele. New Work will

  1. Menschen eine berufliche Entfaltung entlang ihrer Stärken und Bedürfnisse ermöglichen,
  2. Organisationen an die Bedingungen einer komplexen (Arbeits-)Welt anpassen und
  3. in der Gesellschaft auf einen maßvollen Kapitalismus hinarbeiten.

Screenshot Slide New Work - Ziele

Ihr könnt euch die Ziele hier herunterladen (entweder als PowerPoint oder als PDF) und das gern in euren Präsentationen oder sonstigen Materialien verwenden – nur lasst bitte das Copyright drauf oder verweist der Fairness halber auf mich als Urheber.

Keine Konzepte, sondern Menschen verändern Verhältnisse

Eine Organisation, die sich New Work verschreibt, sollte sichtbar daran arbeiten, obige Ziele zu verwirklichen. Im Diskurs, auf Panels oder in Fachbeiträgen kommen wir immer sehr schnell auf die mittlere Ebene, die Organisation und sprechen über Agilität, Demokratisierung, VUCA, disruptiven Wandel oder ähnliches. Aber Konzepte verändern keine Verhältnisse. Menschen verändern Verhältnisse. Deshalb sollten wir uns auch mit dem Menschen an sich beschäftigen. Eben mit seinen Stärken und Bedürfnissen. Wie wir ihnen auf die Spur kommen und wie sie den Arbeitsprozess am besten unterstützen. Sonst haben wir mit New Work irgendwann das nächste tote technokratische Konzept. Dann können wir gleich McKinsey in die Unternehmen reinschicken. Das Gleiche gilt für die größere Dimension der Gesellschaft. New Work hatte und hat einen politischen Gestaltungsanspruch. Dazu zählen etwa Ökologie, soziale Gerechtigkeit, eine Wirtschaft des minimalen Kaufens und ein positives Menschenbild. New Worker sollten auch Botschafter dieser politischen Haltugn sein und nicht nur Kritik innerhalb des Systems üben, sondern auch Kritik am System.

Ich schlage jetzt mal einen Pflock ein und sage: Die drei oben genannten Ziele sind  die Hauptziele von New Work und möchte eine entsprechende Debatte starten. Worin zeichnet sich New Work eurer Meinung nach aus? Gibt es weitere / andere Ziele? Eventuell steht am Ende ein Kriterienkatalog, der von vielen Experten und kundigen Stimmen getragen wird. Und wäre das nicht ein echter Mehrwert, wenn sich Unternehmen auf diesen Kriterienkatalog stützen könnten? Ich bin gespannt auf euer Feedback.

Update

Diesen Beitrag habe ich aus aktuellem Anlass inzwischen in die #NewWork17-Blogparade von Winfried Felser eingereiht.

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7 Gedanken zu „New Work: Raus aus dem Nebelbegriff!

  1. Das mit der Begriffsklärung finde ich grundsätzlich auch gut, allerdings wäre es sicher interessanter, die dahinter liegenden Konzepte zu klären im Sinne von Wertvorstellungen und Zielen (Framing).
    Das beinhaltet auch viele Überlegungen, die Gesellschaft zu verändern, weil Arbeit im Moment auf Erwerbsarbeit reduziert wird (soweit zur begrifflichen Schärfe) und New Work faktisch einen anderen Arbeitsbegriff zugrunde legt.
    Was ich nicht glaube, deshalb würde ich Punkt drei auch ablehnen, ist das Vorhaben, einen maßvollen Kapitalismus anzustreben. Weder denke ich, dass das überhaupt geht (dazu müssten wir aber erst einmal klären, was Kapitalismus für jeden bedeutet), noch dass es zielführend ist. Mit Marx und Hegel würde ich eher von einer „Aufhebung“ des Kapitalismus reden, also einer Transformation auf eine höhere / bessere Stufe, um zu einem anderen Verhältnis von Arbeit zu kommen. Das wäre wieder hochanschlussfähig an die digitale Transformation. Soweit nur in kurzen Stichworten meine Einschätzung.

  2. Ich stimme dir zu, dass der Begriff New Work unscharf ist. Das liegt nach meiner Einschätzung und Erfahrung daran, dass Frithjof nie so wirklich an einer Diskussion und Weiterentwicklung seiner Begriffe interessiert war. Das zeigt sich zB daran, dass er selber kaum in der Diskussion rezipiert wird. War er vor Jahren mehr oder minder der Erste, der mit dieser Idee von „Neuer Arbeit und Neuer Kultur“ (NANK) um die Ecke kam – so wird er zB von Andre Gorz noch zitiert -, ist er mittlerweile von vielen ein- und auch überholt worden. Das macht die Diskussion um seinen Ansatz und seine Begriffe keineswegs einfacher.
    Der Grund dafür liegt nach meiner Auffassung darin, dass Fritjhof seit seinen Erfahrungen in Detroit ganz stark auf die praktische Umsetzung gezielt hat. Um es mal so zu sagen: Statt (weitere) Bücher und Aufsätze zu schreiben, war es ihm wichtiger, durch die Welt zu reisen und wie ein Säemann seinen Samen zu säen, in der Hoffnung, dass er aufgeht. Und das ist in der Tat auch an vielen Stellen geschehen!

    Jetzt zu deinen drei Zielen:
    Aus meiner Sicht greift das zu kurz. New Work möchte zuallererst Arbeit neu denken, jenseits des Beruf- und Erwerbsarbeitsbegriff. Er will mit der Frage nach dem „wirklich, wirklich wollen“ die tiefen Motivationen im Tätigsein von Menschen ansprechen. „Es gibt nichts was einen Menschen glücklicher macht als eine Arbeit, die er/sie wirklich wirklich will“ – das ist das „Mantra“ der Neuen Arbeit und damit mehr gemeint als Erwerbsarbeit. Das führt dann zu einer Drittelung der Arbeit und ist anschlussfähig an die Vier-in-einem-Perspektive von Frigga Haug, die interessanterweise die politische Arbeit als viertes Viertel benennt, was absolut in Frithjofs Ansatz drin liegt, aber nicht so deutlich im zentralen Buch betont wird. Er fand es in Gesprächen eher schade, dass die politische Dimension unter seinen „Anhänger/-innen“ nicht so mitgedacht wurde, wie er das selber gesehen hat.
    Wenn ich das als Rahmen mitdenke, dann kann ich die drei von dir genannten Ziele im Konzept von New Work erkennen, aber ohne diesen größeren Horizont kommt mE die Wucht des Ansatzes nicht zur Geltung.

    Ein paar Links zu Texten in Auseinandersetzung mit Frihtjof von mir:
    Zu Frithjof Bergmann und Frigga Haug:
    https://blog.matthias-jung.de/2012/04/23/frigga-haug-die-vier-in-einem-perspektive-und-frithjof-bergmann-neue-arbeit-neue-kultur/
    Bericht über eine Veranstaltung mit Frithjof:
    https://blog.matthias-jung.de/2012/11/23/ein-abend-mit-frithjof-bergmann-kalte-fuse-heise-gesprache/
    Zur Auseinandersetzung mit NANK im Rahmen meiner Dissertation:
    https://blog.matthias-jung.de/2012/09/12/neue-arbeit-neue-kultur-nank-im-rahmen-meiner-dissertation-entgrenzung-und-begrenzung-von-arbeit/

    Viele Grüße, Matthias

    1. Das sehe ich absolut genauso. In meinem aktuellen Buch diskutiere ich deshalb unter anderem die Gedanken von Ulrich Beck zur Einteilung von Arbeit und stelle auch Untersuchungen an zur philosophischen Dialektik von Arbeit und Nicht-Artbeit. Darüberhinaus habe ich der politischen Dimension von Arbeit ein ganzes Kapitel gewidmet („Arbeit als Aufgabe für Politik und Gesellschaft“).

      Ich glaube, dass wir beide in der Interpretation von Arbeit durchaus einstimmen. Die Ziele in meinem Artikel müssen daher eingebettet gesehen werden in ein revolutionär neues Verständnis von Arbeit, wie es Bergmann (an dessen Werk in mich in meinem Buch stark anlehne) und du formulieren.

  3. Hallo Markus, ich finde es sehr gut, dass Du diese Diskussion startest.

    Es gibt so viele Begriffe, rund um die Themen New Work, agiles Management, Soziokratie, Augenhöhe, Beta Organisationen, Unternehmens-Demokraten und Gemeinwohl-Ökonomie.

    Aus meiner Sicht geht es bei all dem um einen zentralen Gedanken, den schon der Management-Vordenker (Peter F. Drucker) ganz klar formulierte:
    “The mission statement has to express the contribution the enterprise plans to make to society, to economy, to the customer,” Drucker asserted.
    “The effective mission statement is short and sharply focused. It should fit on a T-shirt,” Drucker wrote. “It must be clear, and it must inspire. Every board member, volunteer, and staff person should be able to see the mission and say, ‘Yes. This is something I want to be remembered for.’” (http://www.druckerinstitute.com/2012/09/eight-is-enough/)

    Und, das ist immer noch unsere Situation in unserer Welt: „Wir haben es mit dem Übergang von Industrien mit dem Schwerpunkt Arbeit zu Industrien mit dem Schwerpunkt Wissen zu tun. Unsere Probleme liegen dort, wo die Schwerpunkte weiterhin Arbeit und Kapital sind.“ Peter F. Drucker

    Aus meiner, bzw. auch der Sicht von Stephan Lobodda, mit dem ich ein Buch zum Thema „Führung und Wertschöpfung“ geschrieben habe, geht es um ein „Umdenken“ für uns alle.

    Unser Versuch: New Work will für Organisationen: „Nicht Profit machen gilt als oberstes Ziel, sondern Profit folgt aus einem klaren Nutzen für alle Beteiligten bis hin zur Gesellschaft – Ihrer Unternehmensmission.“

    Wie kommen wir da hin? Wir berücksichtigen diese drei Aspekte, die Du im Text formuliert hast plus zwei weitere Aspekte:

    + Menschen eine berufliche Entfaltung entlang ihrer Stärken und Bedürfnisse ermöglichen,
    + Organisationen an die Bedingungen einer komplexen (Arbeits-)Welt anpassen und
    + in der Gesellschaft auf einen maßvollen Kapitalismus hinarbeiten.

    Ergänzungen zu Deinen Gedanken sind: Wir finden an dieser Stelle die Gedanken der „Gemeinwohl-Ökonomie“ sehr spannend, dass Gemeinwohl im Fokus zu halten. Ist auch in der bayerischen Verfassung verankert.

    + Wenig die Umwelt schädigen
    + Kooperativer und fairer Umgang mit Zuliefern, Geschäftspartnern und Gesellschaft

    Link zur Vision: http://gwoe-bayern.org/ein-wirtschaftsmodell-mit-zukunft
    Interessanterweise ist auch eine Münchener Bank dabei, die sich zum Gemeinwohl bekennt und dazu Bilanzen veröffentlicht (https://www.sparda-m.de/gemeinwohl-oekonomie.php)

    Klar ist, dass Organisationen einen Gewinn machen müssen, um sich zu Refinanzieren und Investitionen machen zu können.

    Der Nutzen aller Stakeholder steht im Fokus. Der bezieht Kunden und Gesellschaft, d.h. auch eigene Mitarbeiter und Geschäftspartner mit ein. Es bezieht die Umwelt mit ein. Sicher ist auch klar, dass all diese Ziele viel Konfliktpotential bieten. Daher braucht „New Work“ auch entsprechende „Soft Skills“, um diese Konflikte als Chance zu sehen und daran zu wachsen.

    Link zu unseren Gedanken und Buch: http://www.wertschoepfendefuehrung.de

    Viele Grüße

    Christoph

    1. Hallo Christoph,
      vielen Dank für die Ergänzung der Ziele; sie klingen absolut sinnvoll. Wenn ich Zeit habe, werde ich versuchen (auch aufgrund der Rückmeldungen, die ich gerade bekomme), ein noch differenzierteres Zielbild für New Work zu visualisieren. Ich glaube, wir sind da gerade an einem ganz heiklen Punkt, der aber in meinen Augen für das Weiterkommen von New Work sehr wichtig ist.

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