New Work

New Worker allein im Wald

Die Wirtschaftswoche bringt eine Story über eine 32-jährige Kommunikationsberaterin. Diese zieht mit ihrem Mann aus der Großstadt Hamburg in die „Pampa“ des Wendlands und baut dort ein sogenanntes TinyHouse: 80 % der Materialien sind recycelt, Internet gibt es über ein selbstverlegtes Kabel und man macht Spaziergänge nun eben über „Feld, Wald und Wiesen“ und nicht mehr über den Hamburger-Szenekiez. So weit, so gut. Klingt auch erstmal toll.

Nicht mehr so toll ist es, wenn die WiWo daraus den Schluss ableitet, die Protagonistin „trete den Beweis an, wie New Work funktionieren kann“. Aha. New Work bedeutet also, sich in die romantisch-wilde Natur zurückzuziehen (Hauptsache, Internet und Auto funktionieren), sich selbst in einem Tiny House zu kasteien (ist okay, muss man halt mögen) und das natürlich auf Grundlage eines digitalen Berufes (Kommunikationsberaterin).

Dazu möchte ich Folgendes festhalten:

1. Familie: Viel Spaß, wenn Kinder kommen. Eine 15qm-Butze im Wald fernab der Zivilisation und anderer Kinder ist genau das, was sich jedes Kind erträumt. Vor allem, wenn es zehn Kilometer zum nächsten Kindergarten sind, von Grund- und weiterführender Schule ganz zu schweigen. Das beschriebene Lebensmodell funktioniert also nur für einen sehr kleinen Kreis privilegierter DINK-Menschen (double income, no kids).

2. Beruf: Der Artikel ignoriert die Lücke zwischen dem aktuell propagierten, schicken Hochglanz- Begriff „New Work“ und „echten“ Berufen, in denen man Dinge anfasst, montiert, produziert. Ich lebe selbst auf dem Land und schätze die „handfeste“ Mentalität der Leute hier. Das Modell der Protagonistin funktioniert nur, weil sich 90 % ihrer Arbeit im digitalen Raum abspielen.

3. Regression: Der Artikel transportiert eine unterschwellige Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, unberührter Natur und Einfachheit. Das ist okay, aber sicher kein Weg nach New Work. Schon der Begründer Bergmann visionierte ein sog. „high tech self-providing“, bei dem modernste Technologien genutzt werden sollten. Wir sollten die Natur selbstverständlich bewahren, aber bitte nicht romantisch für ein Zerrbild von New Work verkären.

Fazit

Ich finde es gut und richtig, dass sich die WiWo mit dem Thema New Work auseinandersetzt und versucht, es anhand echter Menschen zu veranschaulichen. Nicht gut finde ich hingegen die Rückwärtsgewandtheit des geschilderten Lebensmodells und das romantisch-verklärte Naturbild, das nichts mit New Work zu tun hat. Wir sollten nicht zurück-, sondern vorwärtsschauen. Damit wir irgendwann sagen können: New Worker leben nicht im Wald, sondern mitten unter uns.

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