New Work

New Worker: Zu viel Welterklärer, zu wenig Problemlöser?

Bild eines leeren Hörsaals

Neulich war ich mit einem Freund zum Abendessen verabredet. Er ist Leiter IT und Organisation bei einem großen Unternehmen. Im Großen und Ganzen mag er seinen Job, aber eines mag er nicht: Unternehmensberater. Natürlich gäbe es den einen oder anderen guten, aber die wären handverlesen, und die allermeisten verschwendeten seine Zeit, seien viel zu teuer und produzierten unbrauchbaren Müll.

Obwohl ich mich nicht Unternehmensberater nennen würde, nahm ich den Faden auf und begann, das Wesen der Beratung zu verteidigen, dass es seine Berechtigung hätte und so weiter. Wir diskutierten eine Weile, und schließlich zitierte er einen Kollegen, der zum Thema Berater meinte: „Ich will Berater, die mit uns Probleme lösen und uns nicht die Welt erklären.

Seitdem denke ich oft über diesen Satz nach und über die Filterblase von Beratern und Coaches, auch im New Work – Bereich. Wenn ich über meine Facebook- oder XING-Timeline scrolle, sehe ich viele Statements, Links und Artikel von Beratern, die die (Arbeits-)Welt erklären. Wie sie ihrer Meinung nach ist und wie sie – ebenfalls ihrer Meinung nach – sein sollte. Ich nehme mich da ausdrücklich nicht raus! Auch ich erkläre in Vorträgen und Artikeln gern, was New Work ist und wie es inspirieren kann. Aber hilft das Unternehmen wirklich weiter? Ich weiß es nicht.

Manchmal beschleicht mich der Verdacht, Unternehmen hätten Probleme mit New Work, nicht weil sie Unsicherheit fürchten oder zu wenig innovativ wären. Sie trauen uns schlicht und ergreifend nicht zu, sie bei ihrer Problemlösung zu unterstützen. Und wenn wir New Worker glauben, dass wir das trotzdem können, geht anscheinend irgendwas in der Kommunikation schief.

Ich persönlich bin ja auch eher der philosophische Typ, als Psychologe gelernt und sozialisiert. Hat Vor- und Nachteile. Will sagen: Auch ich spiele gern den Welterklärer (aber ohne missionarische Pistole auf der Brust). Und ich glaube auch, dass das seine Bereichtigung hat, wenn man Menschen auf die neue Zeit vorbereiten will. Aber Unternehmen in ihrer jetzigen Phase brauchen etwas anderes. Etwas Handfestes. Wir New Worker sagen oft: Es gibt nicht DIE Methode für New Work. Jedes Unternehmen, jede Organisation müsse ihren eigenen Weg finden. Stimmt ja auch. Aber viele Unternehmen überfordert das. New Worker, die sich jeden Tag mit dem Thema beschäftigen, haben da einen immensen Wissens- und Verständnisvorsprung. Das vergessen sie leicht.

Letzte Woche bei den Open Government – Tagen in München habe ich am Anfang in den Saal gefragt, wie viele Zuhörer überhaupt den Begriff New Work kennen. Es waren 3 von 250. Nochmal: Da saßen 250 kluge, interessierte Menschen. Führungskräfte, Politiker, IT-Fachleute, Kulturverantwortliche und so weiter. Und davon hatten DREI schonmal was von New Work gehört. Und das war jetzt kein Einzelfall, sondern ist durchgängige Erfahrung bei meinen Vorträgen. Die Leute sind ja nicht doof oder ignorant. Trotzdem muss man in der Regel bei Adam und Eva anfangen, wenn es um die Vermittlung von New Work geht. Weil es noch ein Nischenthema ist. Faszinierend, aber ein Nischenthema. Womit wir wieder bei der Welterklärung wären.

Wie kommen wir als New Work – Berater da raus? Vielleicht in drei Schritten:

  1. Weitere Aufklärungsarbeit. Die muss sein, auch im Sinne der Unternehmen. Damit sie im New Work – Bereich eine „informierte Entscheidung“ treffen können, wenn es um Beratungsleistungen und Tools geht.
  2. Formulierung von Prinzipien, die sich von klassischer Unternehmensberatung unterscheiden. Zum Beispiel könnte ein Prinzip sein: „Bereits der Projektstart sollte durch ein möglichst repräsentatives und demokratisch abgesichertes Gremium legitimiert sein.“ Das wäre ein Unterschied zur „einsamen Entscheidung“ des Top Managements, es jetzt mal im Karton rappeln zu lassen.
  3. Konkretes Angebot von Tools und Methoden, mit Vor- und Nachteilen. Wie im Online-Katalog. Kein vornehmer Verweis auf one size doesn’t fit all, sondern Mut zur Empfehlung. Ist ja auch eine Chance für die Szene, neue Tools in den Markt zu bringen, Eigenkreationen, die es so noch nicht gibt.
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Seit ich Beraterin bin höre ich nicht auf zu Fragen, was ist schlecht am „guten Rat“. Aber schon die Idee, sich das überhaupt zu fragen, ist verpönt unter den Beratern. So als ob Weisheit – die einen guten Rat ausmacht – ein unsagbares Hirngespinnst wäre. Ich wäre sehr dafür, wenn man sich wieder mehr dem zuwenden würde, was die Menschen wirklich brauchen und warum sie zu uns kommen. Es hat eben nicht jeder DIE Lösung schon in sich. Das weshalb sie zu uns kommen, das verweigern wir beinhart – schön umschrieben, mit schönen Worten und verlangen dann noch sagenhaft viel… Read more »