Coachingbranche

Telefonat mit einem anderen Planeten

Neulich kam eine Mail ins Haus geflattert, von der Personalentwicklung eines bekannten deutschen Konzerns. Man interessiere sich für meine Vorträge. Und die Beschreibung klang wahrlich vielversprechend: Drei Vorträge an drei aufeinanderfolgenden Tagen, auch noch in Nürnberg! Besser kann man sich einen Auftrag doch gar nicht wünschen.

Also Telefonat vereinbart. Ring, ring. Gespräch läuft gut, das übliche Frage-Antwort-Pinng-Pong. Ich erfrage Details, Zielgruppe, Erwartungen, was man halt so macht, wenn man seriöse Arbeit abliefern will. Schließlich, der erfahrene Leser ahnt es vielleicht, kommt die Frage auf den Preis.

Ich nenne eine branchenübliche, moderate vierstellige Summe pro Vortrag. Eine Summe, die im Mittelfeld dessen liegt, was mir üblicherweise bezahlt wird. Eine Summe, von der ich weiß, dass sie für ein Unternehmen dieser Größenordnung und für diese Zielgruppen eher im Mittelfeld liegt. Eine Summe, die bei Telefonaten auf dem Planet Erde normalerweise nur mit einem „Alles klar“ quittiert wird. Eine Summe, die im Gesamten sogar noch herunterverhandelt werden kann, weil es ja schließlich drei Vorträge hintereinander sind.

Aber nicht heute.

Die Personalentwicklerin zögert: „Hm, das liegt wohl ein bisschen außerhalb meines Budgets.“ Ah, denke ich, die Verhandlung geht los. Was soll’s. Ich habe einen guten Tag, der Kaffee ist akzeptabel, also meinetwegen.

„Da frage ich doch einfach mal ganz direkt: Was ist denn so Ihr Budget?“ erwidere ich mit einem Lächeln in der Stimme.

„Naja, pro Stunde so 100 Euro.“

Das ist der Moment, in dem mir die Tasse aus der Hand kullert und ich mich frage: Mit welchem Planeten telefoniere ich hier eigentlich? Ich glaube, mich verhört zu haben und überschlage zuerst im Kopf, dann verbal: „Moment, das hieße doch für drei Vorträge a 90 Minuten…450 Euro.“

„Ja, eher weniger.“

Ich fasse kurz zusammen: Ein Riesenkonzern, den jedes Kind kennt, will für DREI qualifizierte Vorträge zum Thema Burnout und Stressmanagement INSGESAMT 400 Euro ausgeben. Und das Schärfste: Auf Nachfrage meinerseits kommt heraus, dass in den drei Vorträgen drei völlig unterschiedliche Zielgruppen sitzen. Das bedeutet: Im Grunde müsste man für jede Zielgruppe einen eigenen Vortrag designen.

Ich presse kurz heraus: „Kleinen Moment, bitte“, lasse mich vom zufällig anwesenden Sanitäter meines Vertrauens reanimieren und erwidere dann gelassen: „Hm, da kommen wir wohl nicht zusammen. Nur mal so aus Interesse: Wieso wollen Sie eigentlich Stressmanagement-Vorträge machen?“

„Ach, unser Vorstand war auf einem Stressvortrag in X und war total begeistert. Da hat er gemeint: Einen solchen Vortrag sollen meine Leute auch kriegen.“

Ja, klar. Weil jemand, der so einen Vortrag liefert, bestimmt für 100 Euro die Stunde arbeitet. Denke ich, sage ich aber nicht. Denn letztlich macht ja nicht die Dame am Telefon das Budget, sondern jemand ganz anderes. Sie soll nur die Dummen einsammeln, die für einen Hungerlohn von 100 Euro die Stunde Vorträge für Konzerne durchführen. Ich beende das Gespräch freundlich und denke mir: Auf welchem Planeten leben wir eigentlich?

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7 Gedanken zu „Telefonat mit einem anderen Planeten

  1. … gut gefällt mir in dem Zusammenhang dann auch immer das Argument: „Sie müssen auch sehen: Das ist doch Werbung für Sie!“ *grrr*

    1. Ja, das hatte ich auch schon. Ich frage mich dann immer, ob mein Gesprächspartner das tatsächlich ernst meint oder mich einfach bewusst über den Tisch ziehen will.

  2. Solche Beispiele kenne ich auch zur Genüge. Zwei davon aus der jüngeren Vergangenheit:

    1. Firma will mich als Keynote-Speaker verpflichten, um kostenpflichtiger Abmahnung zu entgehen. Mein Traumhonorar: € 0.000,00 ! http://bit.ly/14CbWaJ

    2. Nach dem ich mein Honorar mitteilte: „Leider handelt es sich um eine Non-Profit-Veranstaltung“ Hallo? http://bit.ly/1239rkw

    Kein Geld verdienen, kann ich auch ohne zu arbeiten!

  3. Wo war die versteckte Kamera? Schallend-lach! Aber immer wieder spannend zu hören, dass auch anderen Speakern solche „Un-Dinge“ ins Büro flattern. Bei diesem Budget wird sich die arme Assistentin jetzt wohl die Finger und Ohren wund telefonieren müssen.

  4. *Ironie an*Hey, immerhin war der Betrag dreistellig.*Ironie aus*

    Solche Gespräche kenne ich, der beste Kommentar: „Wir sind eine NGO. Da werden sie doch wohl kostenlos arbeiten, oder?“

    Das Lachen hab ich mir verkniffen.

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