Digitalisierung

Über Contenthäppchen

Die Welt wird immer besser, das ist nicht zu leugnen: Weniger Menschen als früher leben global gesehen in Armut, mehr Menschen haben Zugang zu sauberem Trinkwasser, die Gesundheitstechnologie macht wahnsinnige Fortschritte (leider auch die Waffentechnologie, was die Gesundheit wiederum erheblich einschränken kann). Aber im Großen und Ganzen geht es aufwärts.

Nehmen Sie als Beispiel den Klimawandel. Der Mensch war in den letzten 20.000 Jahren ungeheur erfinderisch, wenn es um Problemlösungen geht. Warum sollte es beim Klimawandel anders sein? Den Klimawandel halte daher ich für ein großes, aber bewältigbares Problem. Mich besorgt etwas anderes viel mehr: Contenthäppchen. Contenthäppchen sind die Kleinwaffen der globalen Internetindustrie: Eher kleinformatig im individuellen Schadenspotenzial, aber in der Masse bringen sie eben doch die meisten Menschen zur Strecke.

Contenthäppchen sind das, was man Ihnen bei Social Media und Nachrichtenseiten im Netz präsentiert, womöglich noch sortiert von supersmarten Algorithmen. Es ist ein bisschen so, wie wenn jemand Sie mit zwei Handvoll Gummibärchen bewirft: jedes davon chic und shiny, aber kontextlos, aus vielen Farben zusammengewürfelt und erstmal ohne Bezug zu Ihnen als Leser. Diese Kontextlosigkeit zeichnet den Content aus und gerinnt in der gewalttätigen Willkür eines News Feeds bei Facebook, Twitter oder LinkedIn.

In einer gigantischen Reizüberflutung strömen Tag für Tag Dutzende, wenn nicht Hunderte Contenthäppchen an uns vorbei, aus denen wir die für uns interessanten rauspicken sollen – eine Übung, die auf Dauer geistig völlig überfordert. Deswegen ist das Beunruhigendste am Internet und vor allem an Social Media keine „Hasskultur“ oder irgendwelche Beleidigungen. Das Gefährlichste am Netz ist der Strom an Contenthäppchen, der täglich an uns vorbeifließt und langsam unsere Gehirnzellen mit kontextlosem Datenmüll flutet.

Das Gefährlichste am Netz ist der Strom an Contenthäppchen, der täglich an uns vorbeifließt und langsam unsere Gehirnzellen mit kontextlosem Datenmüll flutet.

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Weil wir nun aber mal in einer Netzgesellschaft leben, jeder am Tropf von Social Media hängt und darum nicht wenige – auch kluge – Gehirne gegrillt werden, sollte uns der Klimawandel vielleicht doch Sorgen machen. Denn unsere Fähigkeit zum Lösen komplexer Probleme steigt und fällt mit unserer geistigen Fähigkeit, uns mit komplexen Gedanken und Texten auseinanderzusetzen. Und diese Fähigkeit wird durch exzessiven Netzgebrauch und den massenhaften Verzehr von Contenthäppchen sturmreif geschossen.

Das ist keine Frage von Intelligenz oder persönlicher Willensstärke. Unser Gehirn passt sich schlicht und ergreifend an unsere Umwelt an. Wenn lange Texte und komplexe Gedankengänge nicht mehr verarbeitet werden müssen, baut das Gehirn seine Verschaltungen um und ab – zugunsten kleinerer Informationsverarbeitungen. Unser Hirn ist plastisch, aber es hat keine Spendierhosen an. Das kann es sich nicht leisten. Use it or lose it. Wenn wir also den Klimawandel bekämpfen wollen, sollten wir als erstes unsere Hirne pflegen, Content vermeiden und komplexe Inhalte bevorzugen. Denn mit den Contenthäppchen ist es wie mit Gummibärchen: Ja, bitte. Aber in Maßen.

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