New WorkR(E)volution

Über deutsche Dekadenz

Seit ich Kinder habe, bin ich oft müde. Als echter 50 Prozent – Teilzeit-Papa kriege ich das volle Programm: Spielen, Streiten, Haushalt, Hausaufgaben etc. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal morgens so richtig energiegeladen aus dem Bett gesprungen bin und gedacht habe: Yeah, Montag, gehen wir’s an!

Ich will mein Energiedefizit aber nicht allein auf die Kinder schieben. Manchmal, wenn ich auf Knien unter Kommoden nach Spielzeug wühle, denke ich auch: Naja, das ist halt das Alter. Und dann fühle ich diesen Defätismus in mir heraufkriechen, der flüstert: Ergib dich! Es musste so kommen. Du hast keine Wahl. Das ist der Lauf der Welt. Das Alter erwischt schließlich jeden.

Naja, jedenfalls bin ich irgendwann unter der Kommode fertig, stemme mich auf klammen Knien hoch und mache weiter. Aufstehen, weitermachen. Das ist so eine Philosophie von mir. Nicht stehenbleiben, sondern schauen, was geht. Neugierig sein, auch wenn man nicht so gut drauf ist. Lust am Experiment.

Eine solche Einstellung vermisse ich manchmal – zum Beispiel an Deutschland. Deutschland kommt mir oft vor wie ein alter, müder Papa. Wir waren mal jung und fit, sind aber jetzt irgendwie angekommen, das mit den Kindern läuft schon, und es stellt sich eine gewisse Sattheit, eine Unbeweglichkeit ein. Nein, eigentlich ist es schlimmer: Deutschland ist dekadent geworden. Wir wollen nichts mehr. Deutschlands Bevölkerung altert nicht nur physisch, sondern vergreist mental. Wie weiland Oma leben wir von unserem Ersparten, von dem wir tagträumen, dass es ewig hält, während uns rechts und links die Amerikaner und Chinesen die Butter vom Brot nehmen. Wir sind eine Gesellschaft auf dem Gipfel, nein, kurz hinter dem Gipfel ihrer Schaffenskraft, und jetzt geht es abwärts.

Die deutschen Banken: verschmolzen, unbedeutend und / oder moralisch diskreditiert. Die Deutsche Bank lässt sich momentan für ein angeblich schnittchengeiles Fintech-Startup feiern – Lichtjahre nach PayPal, GooglePay und dem – natürlich deutschen- völlig verkorksten PayDirekt-Desaster.

Die deutsche Automobilindustrie: zehrt vom Glanz vergangener Zeiten und beginnt jetzt(!), sich dem Thema Elektromobilität ernsthaft zu widmen. Elon Musk liegt wahrscheinlich schon mit Bauchkrämpfen vor Lachen unter dem Tisch, während die Chinesen uns in Erfurt, also in unserer eigenen verdammten Hütte, eine Batteriefabrik vor die Nase setzen.

Die deutschen Energieversorger: Ächzen unter der Energiewende, filettieren sich gerade selber oder kapitulieren vor der kommenden dezentralen Energieversorgung.

Die deutschen Schulen: marode, völlig unterdigitalisiert, mit Lehrern, die wie Fußabstreifer behandelt werden und immer noch tief getränkt vom Geist der preußischen Bildungsfabrik – komplett ungeeignet für das 21. Jahrhundert.

Die deutsche Infrastruktur: verfallen, morsch, unterfinanziert und geplagt von der Pest der Public Private Partnerships – weil der Staat dilettantisch versucht, diesen Grundversorgungsbereich kapitalistisch auszubeuten.

Die deutsche Digitalindustrie: hat kein Unternehmen von Weltrang außer SAP. In Berlin frickeln ein paar StartUps umzäunt und bestaunt vor sich hin, aber richtig dahinter ist die Politik auch nicht. Dort fehlt der echte Wille, der Biss, das Verständnis.

Es ist mir nach wie vor völlig schleierhaft, warum die Politik zu alldem weiterhin schweigt – und dass wir als Bevölkerung hier nicht offensiver Veränderung einfordern. Aber auch wir tragen Verantwortung, haben uns einlullen lassen, sind alt und satt geworden. Die Geschichte ist voll von Nationen, Weltgegenden oder historischen Reichen, die hochgekommen und dann – besoffen von ihrem Erfolg – ebenso klar wieder abgestiegen sind. Und jetzt sind halt wir Deutschen dran.

Ich werde meinen Kindern Kreativität, Selbstbewusstsein, Höflichkeit, Respekt, Lösungsdenken, Englisch und Chinesisch beibringen. Der Rest wird sich finden. Damit bereite ich sie schonmal darauf vor, dass Deutschland in die zweite Liga absteigt. Und dann wird man fragen: Wie konnte es so weit kommen? Weil wir alt geworden sind. Alt, satt und dekadent.

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